Dienstag, 28. März 2017

JANE GOT A GUN (Gavin O'Connor, 2015)

Western mit starken Frauen in der Hauptrolle gibt es nicht allzu viele – Grund genug, um JANE GOT A GUN mit gewisser Vorfreude entgegen zu blicken.
Die Produktion des Films, der ursprünglich zwei Jahre früher veröffentlicht werden sollte, war mit diversen Schwierigkeiten verbunden, was dazu führte, dass sich die Arbeiten über mehrere Jahre hinzogen. Auch wenn es für die Beteiligten sicher alles andere als lustig war, ist es schon amüsant zu lesen, welche namhaften Darsteller in der Zwischenzeit gehandelt, angekündigt und letztlich doch nicht verpflichtet wurden. Und auch der Regieposten blieb von den Wechseln nicht verschont. Doch auch die endgültige Besetzung kann sich sehen lassen, sind doch neben Natalie Portman u. a. Ewan McGregor und der charismatische Joel Edgerton zu sehen.
Die Darsteller sind dann auch eine der Stärken des Films, der ansonsten nur in Teilbereichen zu überzeugen weiß. Dies liegt vor allem daran, dass es sich mehr um ein traditionelles Familiendrama inklusive glücklicher Zusammenführung am Ende handelt, als um einen actiongeladenen Western, den der Titel suggeriert. Die titelgebende Figur der Jane ist eine Frau zwischen zwei Männern, die mehr von ihrer Vergangenheit gequält wird als von den aktuellen Geschehnissen. Das ist zumindest der Eindruck, der sich bei der Sichtung aufdrängt. Unterstrichen wird dies durch die zahlreichen Rückblenden, die dem Zuschauer eine epische Tiefe vorgaukeln, die die im Grunde genommen recht simple Handlung einfach nicht hat. Hinzu kommt, dass die Zeitsprünge den Erzählfluss merklich hemmen und dadurch etwas anstrengend wirken.
Positiv zu erwähnen sind in jedem Fall die schönen Aufnahmen der kargen Landschaft New Mexicos und der gelungene Score, der jedoch bisweilen mehr Dynamik vermittelt als die Handlung zu bieten vermag. Selbst die Belagerungssituation auf Janes Farm, die eigentlich das Potential für einen spannungsgeladenen Showdown gehabt hätte, wird relativ schnell und wenig spektakulär abgehandelt. Da fragt man sich schon, warum hier über 60 Minuten lang ein großes Bedrohungsszenario entwickelt wird, das dann innerhalb von wenigen Minuten in sich zusammenfällt.
JANE GOT A GUN ist kein schlechter Film und trotz des ganzen Hickhacks in der Produktionsphase über weite Strecken durchaus gefällig anzuschauen. In erster Linie ist es aber ein Film der nicht eingelösten Versprechen, der einen ahnen lässt, dass hier unter besseren Bedingungen mehr drin gewesen wäre. So aber ist er nicht mehr als ein solider Vertreter seines Genres, an den sich in fünf Jahren niemand mehr erinnern wird.

Montag, 23. Januar 2017

LONELY ARE THE BRAVE (David Miller, 1962)

Für einen kurzen Moment wähnt man sich in einem klassischen Western, wenn man Kirk Douglas mit Cowboyhut dabei beobachten kann, wie er genüsslich an seiner Zigarette zeiht, doch der Motorenlärm und die Kondenzstreifen der vorbeifliegenden Düsenjäger machen schnell klar, dass dies ein Trugschluss war. Und doch war der erste Eindruck nicht so falsch, denn bei dem von Douglas verkörperten Jack handelt es sich um einen Außenseiter, der in der falschen Zeit gefangen scheint. Einen festen Wohnsitz hat er ebenso wenig wie einen Ausweis. Finanziell über Wasser hält er sich mit Gelegenheitsjobs als Viehhirte. Er ist ein echter Abenteurer, der den zivilisatorischen Errungenschaften wenig abgewinnen kann und lieber auf seinem Pferd durch die Gegend reitet als ein Auto zu benutzen. Sein Versuch, seinen Kumpel aus dem Gefängnis zu befreien, mutet ebenso naiv wie albern an, doch entspricht das Vorgehen eben seiner Denkweise. Er ist ein Mann für die einfachen Lösungen. Was jedoch zunächst noch nach einem großen Spaß aussieht, nimmt spätestens dann dramatische Züge an, als Jack nach seinem Gefängnisausbruch von der gesammten Obrigkeit durch die Berge gejagt wird.

Und hier schließlich wird ihm seine Prinzipienfestigkeit zum Verhängnis. Ohne sein Pferd, das ihm ohnehin mehr Probleme bereitet als es ihm nutzt, wäre es für ihn ein leichtes gewesen, seinen Häschern in dem unzugänglichen Gelände zu entkommen, doch bringt er es nicht fertig, die Mähre im Stich zu lassen. So scheitert er letztlich an seiner selbst auferlegten Fürsorgepflicht für sein störrisches Pferd, das ihn nicht nur immer wieder aufhält, sondern ihn am Ende gerdewegs ins Verderben trägt. Diese finale Szene wird lange vorbereitet und nahezu über die gesamte Spielzeit immer wieder angedeutet. LKW gegen Pferd – Repräsentaten ihrer Epoche.

Sehenswert ist Lonely are the Brave vor allem wegen der herausragenden Leistung von Kirk Douglas, der hier zur absoluten Höchstform aufläuft. Die Verfolgungsjagd in den Bergen, die einen Großteil des Films ausmacht, weist übrigens einige Parallelen zu First Blood auf. Und auch die beiden Protagonisten verbindet zumindest das Gefühl, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Auch wenn ich Douglas' Einschätzung, dies sei sein bester Film, nicht unbedingt teile, gibt es wahrscheinlich keinen anderen, der so auf ihn zugeschnitten ist und der so von seiner eindringlichen Darstellung geprägt ist wie dieser.

Sonntag, 18. Dezember 2016

LEGEND OF TARZAN (David Yates, 2016)

Legend of Tarzan bedient sich der Hauptfigur der vom amerikanischen Schriftsteller Edgar Rice Burroughs geschaffenen Tarzan-Geschichten, geht aber auf deren Leben im Dschungel nur in Rückblenden ein. Die eigentliche Geschichte beginnt viel später, lange nachdem Tarzan nach England zurückgekehrt ist und wieder den Titel Lord Greystoke trägt. Dabei setzte man wieder einmal auf das derzeit in Hollywood so angesagte Rassismus-Thema, und hier im speziellen die Ausbeutung der afrikanischen Ureinwohner durch den bösen weißen Mann. Dabei ist die weiße Rasse ein wahrer Ausbund an Schlechtigkeit, außer Tarzen und Jane sind alle Weißen ausnahmslos skrupellos, egoistisch und hemmungslos ausbeuterisch unterwegs. Als großer Edelmann kommt hingegen der von Samuel L. Jackson verkörperte George Washington Williams daher (kein Wunder - er ist ja auch schwarz), übrigens eine historische Figur. Und selbst der zunächst böse Stammeshäuptling Mbonga, der Tarzan aus Rache nach dem Leben trachtet, lässt sich von jenem schnell besänftigen, indem er ihm seine Motive für die Tötung von Mbongas Sohn erklärt. Von differenzieter Charakterzeichnung also keine Spur, hier gibt es nur schwarz oder weiß - im wahrsten Sinne des Wortes. Aber sei's drum!

Leider kann Legend of Tarzan auch darüber hinaus nur in Teilbereichen überzeugen. Darstellerisch ragt natürlich Jackson heraus, was aber auch das Problem beinhaltet, dass er mit seinem Charisma die eigentliche Hauptfigur eher zur Randerscheinung verkommen lässt, zumal diese vom Schweden Alexander Skarsgård recht spröde und nordisch unterkühlt dargeboten wird. Immerhin macht er dabei durch seine imposante körperliche Erscheinung eine gute Figur. Margot Robbie ist keine gute Schauspielerin, sieht aber zweifellos toll aus und bietet so einen schönen Blickfang. Und Christoph Waltz spielt die gleiche Rolle wie immer, wobei sein affektiertes Gehabe hier ganz gut zu seiner Figur passt. 

Positiv sind die gelungenen Special Effects zu erwähnen. Nahezu alle Tiere wurden digital erschaffen, was man aber - von vereinzelten Ausnahmen abgesehen (Stichwort: Leopard) - kaum bemerkt. Dazu gibt es atemberaubend schöne (digitale) Landschaftsaufnahmen und ein paar nett gemachte Actionszenen, die jedoch insgesamt sehr routiniert und wenig inspiriert wirken. Atmospärisch ist das Ganze also durchaus stimmig, doch wirkt die Inszenierung wenig durchdacht und etwas unstrukturiert. Die zahlreichen Rückblenden stören den Filmfluss und sind eher selbstzweckhaft, als dass sie die Handlung vorantreiben.

Unter dem Strich bietet Legend of Tarzan bestenfalls durchschnittliche Unterhaltung. Da ich die Sichtung ohnehin mit geringen Erwartungen angegangen bin, hält sich meine Enttäuschung in Grenzen. Wenn man gar nicht mehr weiß, man gucken soll, kann man sich das durchaus mal anschauen. Man kann es aber genauso gut lassen.

Samstag, 26. November 2016

13 HOURS (Michael Bay, 2016)

You're in my world now.

Es ist jetzt nicht so, dass ich ein großer Fan von Michael Bay bin, aber atemlose Action mitreißend inszenieren - das kann er zweifellos. 13 Hours ist dafür ein gutes Beispiel. Auf unnötigen Ballast wie beispielsweise eine genauere Beleuchtung der Hintergründe oder der politischen Großwetterlage nach dem sogenannten "Arabischen Frühling" verzichtet er weitgehend. Erklärt wird nur das Notwendige, um die Situation, in der sich die CIA-Mitarbeiter befinden, dem Zuschauer näher zu bringen. Zwecks besserer Identifikation werden dann noch die familiären Gegebenheiten der Protagonisten kurz skizziert, und schon kann's losgehen.

Wer also hier eine kritische Abrechnung mit der US-Außenpolitik erwartet, ist fehl am Platz, wobei das Versagen des Außenministeriums in der Bengasi-Angelegenheit zumindest thematisiert wird. Die Leidtragenden sind die Einsatzkräfte vor Ort, die sich nach offizieller Sprachregelung gar nicht dort befinden. Kommt einem bekannt vor, folgt doch die Außenpolitik der Weltmacht seit Jahrzehnten dem immer gleichen Schema.

Das alles interessiert Michael Bay nur am Rande. Hat man die Einführung erstmal hinter sich gebracht, wird man mit einem furiosen Action-Feuerwerk belohnt, das kaum Wünsche offen lässt. Nach der Erstürmung der amerikanischen Botschaft und deren Inbrandsetzung bemüht sich das Spezialteam vergeblich um die Rettung des Botschafters. Die Inszenierung und der Erzählstil erinnern dabei frappierend an Ridley Scotts Black Hawk Down, der von der Machart ganz ähnlich ist. Auch Bay bedient sich (wenig überraschend) des seit längerem etablierten pseudo-dokumentarischen Stils, der dem Zuschauer das Gefühl vermittelt, sich inmitten des Kampfgetümmels zu befinden. Das eigentliche Highlight ist jedoch die ausgedehnte Belagerungssequenz in der zweiten Hälfte des Films, in der ein Haufen islamistischer Terroristen versucht, den Stützpunkt der Amerikaner zu stürmen.

13 Hours bietet über die gesamte Spielzeit ausgesprochen kurzweilige Unterhaltung und darüber hinaus eine gute Gelegenheit, die heimische Surround-Anlage ausgiebig zu testen. Wer die Sichtung mit den entsprechenden Erwartungen angeht, wird hier bestens bedient.

Samstag, 12. November 2016

BLOOD FATHER (Jean-François Richet, 2016)

I'm sorry I wasn't there for you, baby.

Nach dem überraschend guten Get the Gringo darf Mel Gibson mal wieder in einer Hauptrolle ran. Wollte man böse sein, könnte man nach Gemeinsamkeiten zwischen ihm und der hier verkörperten Rolle suchen - wird diese doch mit der Teilnahme an einem Treffen der anonymen Alkoholiker eingeführt. Aber ganz so schlimm wie dem Ex-Säufer und Ex-Knacki Link hat das Leben dem echten Mel Gibson dann doch nicht mitgespielt. Aber, Spaß beiseite: Der unsagbar dämliche Filmtitel suggeriert ein zünftiges Blutbad oder zumindest eine deftige Action-Schlachtplatte, und so stellte mich mich auf ähnlich gute Unterhaltung ein, wie sie der oben erwähnte Streifen bot. 

Doch leider ist Blood Father in dieser Hinsicht eine ziemliche Enttäuschung. Etwas ansprechend inszenierte Action gibt es zwar, aber doch sehr dosiert und auf insgesamt drei Szenen verteilt.  Dazwischen wird eine nicht sehr originelle Vater-Tochter-Geschichte erzählt, die wenig Gehaltsvolles bietet. Links Wandlung vom Versager-Vater zum Super-Papi wird überwiegend recht schlüssig dargelegt, bleibt dabei aber jederzeit vorhersehbar. Überraschungen bleiben aus. Gibson spielt seine Rolle gut und hat immer noch genug Charisma, um einen Film souverän über 90 Minuten zu tragen. Und mit Michael Parks und William H. Macy kann man noch mit zwei weiteren starken Darstellern aufwarten, die immer gerne gesehen sind. Erin Moriarty als Links Tochter Lydia kann hingegen nur teilweise überzeugen.

Insgesamt bietet Blood Father allenfalls solide Unterhaltung. Man langweilt sich nicht, echte Begeisterung will sich aber auch nicht einstellen. Die beste Szene ist eigentlich noch die Eröffnungssequenz, in der die 17-jährige Lydia in einem Kaufhaus keine Zigaretten erwerben darf, weil sie keinen Ausweis vorlegen kann und somit den Altersnachweis schuldig bleibt. Der Kauf der scharfen Munition für eine Pistole im selben Laden ist dagegen kein Problem.

Montag, 31. Oktober 2016

THE SHALLOWS (Jaume Collet-Serra, 2016)

Mal wieder ein Hai-Film. Hatten wir länger nicht mehr, wobei die Vertreter des Genres meist ja dem Trash-Sektor oder zumindest dem B-Movie-Bereich zuzurechnen sind. Nach Spielbergs Jaws war ohnehin alles gesagt und zugleich die Messlatte so hoch gelegt, dass sie – da lege ich mich fest – in Zukunft nie mehr erreicht werden wird. Auch The Shallows gelingt dies natürlich nicht einmal im Ansatz, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Spanier Collet-Serra derlei im Schilde führte. Für knapp 90 Minuten kurzweiliger Unterhaltung reicht es aber allemal. Dafür bürgt alleine schon die höchst attraktive Blake Lively, die zu Beginn ihren da noch makellosen Körper aufreizend in die Kamera reckt. Ganz nett auch die Idee, die modernen Kommunikationsmedien durch Bild-in-Bild-Einblendungen zu integrieren. Das wirkt zeitgemäß und fängt auch gleich die jugendliche Zuschauergruppe mit ein, sofern diese nicht männlichen Geschlechts ist und sich ohnehin an Livelys Kurven ergötzt.

Die Story ist bewusst simpel gehalten. Die junge Medizinstudentin Nancy verschlägt es beim Surfen auf der Flucht vor einem weißen Hai auf einen kleinen Felsen vor der Küste Mexikos, der mit der einsetzenden Flut für eine gewisse Zeit im Wasser versinken wird. Einige Rückblenden nutzt Collet-Serra dazu, der Figur etwas Tiefe zu verleihen. Man erfährt, dass ihre Mutter den Kampf gegen den Krebs verloren hat und dass sie den Strand, von dem sie losgesurft ist, besuchen wollte, weil ihre Mutter während ihrer Schwangerschaft dort war.

Seine Spannung bezieht der Film hauptsächlich aus der Belagerungssituation, in der Nancy sich auf dem Felsen wiederfindet. Der Hai wartet geduldig im Wasser auf sein Opfer, was zwar nicht sonderlich realistisch, aber der Spannung sehr zuträglich ist. Schnell macht sich dabei auch das niedrige Budget des Films bemerkbar, denn die verausgabten 17 Millionen Dollar haben offensichtlich nicht für anständige Special Effects gereicht. Solange man immer nur die Flosse sieht, ist alles ok, doch sobald man des Hais in voller Pracht ansichtig wird, könnte man glauben, die technische Entwicklung sei seit Spielbergs Jaws stehen geblieben. Wobei hier natürlich statt Miniaturen und Modellen CGI eingesetzt werden.

Doch sind die schwachen Effekte so ziemlich das Einzige, was man The Shallows vorwerfen kann. Ansonsten gibt es wenig zu meckern. Das Tempo ist durchgehend hoch, die Naturaufnahmen können ebenso begeistern wie die zahlreichen Close-Ups auf Livelys Körper und ein paar gute Schockeffekte gibt es auch. Ordentliche Unterhaltung also, und mehr darf man von The Shallows auch nicht erwarten.  

Samstag, 29. Oktober 2016

THE NEON DEMON (Nicolas Winding Refn, 2016)

 I ate her.

Die Arbeiten von Nicolas Winding Refn lerne ich mit jedem seiner Filme mehr zu schätzen und im Laufe der Jahre hat der Däne sich zu einem meiner Lieblingsregisseure entwickelt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sein Œuvre inzwischen eine beachtliche Vielfalt aufweist und insbesondere seine letzten Filme eine betörend schöne Bildersprache aufzuweisen haben. Von den Kopenhagener Gangster-Geschichten, mit denen er vor zwanzig Jahren angefangen hat, über die Charakterstudie Bronson, den spirituellen Valhalla Rising und den massentauglichen Drive bis hin zu dem völlig abgedrehten Only God forgives, der für den Mainstream-Kinogänger, der Drive noch abfeierte, wie ein Schlag in die Fresse gewirkt haben muss.

Mit The Neon Demon geht er diesen Weg konsequent weiter und es fällt nicht schwer zu prophezeien, dass auch Refns neuestes Werk auf keine allzu große Gegenliebe beim Massenpublikum stoßen wird. Wie schon beim Vorgänger ist eine Story nur noch rudimentär vorhanden. Narzissmus, Neid, Gier, Eifersucht, Nekrophilie - die Liste der Themen, die  The Neon Demon beackert, ist lang und mit dieser Aufzählung noch nicht einmal vollständig wiedergegeben. Dabei produziert er wieder einmal verstörend schöne Bilder, die schnell eine Sogwirkung entfalten und zugleich faszinieren und abstoßen. Bestes Beispiel dafür ist die lesbische "Vergewaltigung" der Frauenleiche - eine Szene, die nach Filmende noch lange im Gedächtnis bleibt. Untermalt wird das Geschehen meist von sphärischen Klängen oder rhythmischem Disco-Sound, für den wieder Cliff Martinez verantwortlich zeichnet, mit dem Refn schon bei seinen letzten beiden Filmen zusammengearbeitet hat. Übrigens zählt auch Spring Breakers zu seinen Arbeiten, mit dem The Neon Demon durchaus einige Gemeinsamkeiten hat.

The Neon Demon ist ein faszinierender Trip, der die oberflächliche Welt der Models und Modeagenturen von einer ganz eigenen Seite beleuchtet und zugleich dem Wort Konsumgesellschaft eine neue Bedeutung verleiht. Dabei lotet Refn die Extreme in alle nur erdenklichen Richtungen aus und scheut vor keiner Eskalation zurück. Da ist das Ende nur konsequent. Richtig schocken kann es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Dienstag, 11. Oktober 2016

NERVE (Henry Joost & Ariel Schulman, 2016)

Nerve führt einem schon in den ersten Minuten gnadenlos das eigene Alter vor Augen. Nicht nur, dass man als Mittvierziger so seine Schwierigkeiten mit den zahlreichen Begriffen aus der Welt der sozialen Netzwerke hat, spielt zu allem Überfluss Juliette Lewis, die noch ein paar Jahre jünger ist als ich, die Mutter einer erwachsenen Tochter. Und auch sonst kam ich mir in den ersten Minuten fehl am Platz vor, dachte ich doch, ich hätte mich in eine Teenie-Schnulze verirrt. Zu Beginn werden jedenfalls die üblichen Ingredienzien aufgefahren und die gängigen Klischees bemüht. Die draufgängerische Sydney, der die männlichen Verehrer nur so zuzufliegen scheinen und die für einen handfesten Skandal an ihrer Highschool sorgt, weil sie bei einer Cheerleader-Veranstaltung - deren grundsätzlicher Reiz sich mir im Übrigen noch nicht erschlossen hat - ohne Höschen auftritt, dabei aber, dann doch irgendwie typisch amerikanisch-keusch nur ihr nacktes Hinterteil präsentiert, ihre hübsche, aber schüchterne Freundin Vee, die unsterblich in einen Jungen verliebt ist, sich aber nicht traut, ihn anzusprechen, etc. 

Doch die anfängliche Langeweile verfliegt spätestens in dem Moment, in dem Vee in ein berüchtigtes Online-Game einsteigt, dass die angemeldeten Nutzer in Spieler und Beobachter aufteilt. Die dahintersteckende Idee ist gar nicht so weit hergeholt, und es erscheint durchaus realistisch, dass ein derartiges Spiel einen großen Teil der Online-Welt derart in seinen Bann ziehen könnte wie im Film geschildert. Da muss man sich nur die Pokemon-Go-Hysterie anschauen, die vor einigen Monaten das deutsche Volk heimgesucht hat. Aus den anfangs recht harmlosen Herausforderungen werden schnell Spiele auf Leben und Tod, denen man sich zwar durch Aufgeben entziehen kann, doch die damit verbundene Schande will natürlich niemand auf sich nehmen.

Die Story ist im Grund genommen die gleiche, die schon Glaser vor 30 Jahren in The Running Man erzählt hat. Oder auch die Hunger Games-Reihe, die aber ohnehin nur ein Abklatsch der Bachmann-Romane ist. Wirklich Neues bietet Nerve demnach nicht, aber die Adaption an die Bedingungen der Gegenwart und die heutige Gesellschaft wissen zu gefallen. Zudem wird das rasant und ohne großen Schnickschnack erzählt. Die geradlinige Inszenierung lässt keinen Leerlauf und bleibt immer auf die Hauptfiguren fokussiert. Zum Ende hin gingen mit den Machern etwas die Pferde durch - die Sache mit der Hackergruppe, die in einer Hauruck-Aktion quasi die Kontrolle über das Netz übernimmt, war mir dann doch etwas zu viel. Das kann den positiven Gesamteindruck jedoch nicht schmälern. Allemal sehenswert.

Mittwoch, 24. August 2016

HAIL, CAESAR! (Ethan & Joel Coen, 2016)

Das aktuelle Werk der Coens beschäftigt sich mit goldenen Ära Hollywoods und ist Liebeserklärung und satirische Abrechnung zugleich. Der Anfang gestaltet sich etwas träge. Das Geschehnisse wirken beliebig aneinandergereiht und insgesamt wenig zielführend. Hail, Caesar kommt nur schwer in die Gänge, doch mit zunehmender Spieldauer finden die Brüder aus Minnesota zu ihrer gewohnten Form zurück. Die größte Stärke sind - wie so oft bei den Coens - die liebevoll ausgearbeiteten Charaktere, von denen die meisten sich immer etwas ungeschickt anstellen. Die Story um eine Bande kommunistischer Verschwörer, die einen bekannten Hollywood-Star kidnappen, um Lösegeld zu erpressen, ist recht witzig und findet ihre Pointe in der Szene, in der der Chef-Verschwörer den Koffer mit dem Lösegeld ins Meer fallen lässt, weil er seinen Hund auffängt, der ihm entgegen springt. Auch darüber hinaus werden die Kommunisten als liebenswerte Trottel porträtiert, die sich ernsthaft der Marx'schen Grundidee vom besseren Menschen verpflichtet fühlen.

Die Darsteller sind wunderbar, allen voran der stets gehetzt wirkende Josh Brolin, der aber dennoch alles im Griff hat und für Coen-Verhältnisse eine erstaunlich souveräne Figur abgibt, aber auch George Clooney, der seine Rolle mit viel Selbstironie interpretiert. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Stars wie Ralph Fiennes, Scarlett Johansson, Tilda Swinton oder Alden Ehrenreich zu bewundern. Selbst Dolph Lundgren ist mit von der Partie. Roger Deakins kleidet das in gewohnt schöne Bilder, die die goldenen Ära vor den Augen des Zuschauers wieder auferstehen lassen.

Hail, Caesar! gehört für meine Begriffe zwar nicht zu den Sternstunden der Coens, bietet aber gewohnt kurzweilige Unterhaltung und kann auf ganzer Linie überzeugen. Lediglich die immer wieder eingestreuten Musical-Parts fand ich etwas anstrengend.

Sonntag, 24. Juli 2016

BETWEEN HEAVEN AND HELL (Richard Fleischer, 1956)

Between Heaven and Hell erzählt die interessante Geschichte von Sam Francis Gifford, einem vermögenden Landbesitzer, der sich nach dem Eintritt der Amerikaner in den 2. Weltkrieg unvermutet auf einer (nicht näher bezeichneten) Insel im Pazifik mitten im Kriegsgebiet wiederfindet. Dort steht er aber zunächst unter dem Schutz seines Schwiegervaters, des Oberst Cousins, der Kommandant des Regiments ist, in dem Gifford dient. Der besorgt ihm auch gleich einen Silverstar für seine heldenhafte Ausschaltung eines gegnerischen Scharfschützen. Doch als sein Schwiegervater durch einen hinterhältigen Angriff getötet wird, beginnt sich das Blatt gegen ihn zu wenden. Und er beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Die Baumwollpflücker, auf die er zuvor im zivilen Leben mit Verachtung herabgeblickt und zudem noch schlecht behandelt hatte, sind plötzlich seine Kameraden und Freunde. Aus Wut über einen Offizier, der in einer nervösen Kurzschlussreaktion seine neugewonnenen Freunde erschießt, geht er diesem an die Kehle und wird dafür zunächst in Haft genommen und später strafversetzt auf einen Außenposten, wo der psysisch kranke Captain Grimes, der sich von allen nur Waco nennen lässt, das Sagen hat.

Between Heaven and Hell wirft einen für die Entstehungszeit ungewohnt kritischen Blick auf das amerikanische Militär und zeigt, welche psychischen Spuren der Krieg in den eigenen Reihen und speziell auch bei den Offizieren hinterlässt. Ist Oberst Cousins noch ein ehrenhafter Offizier, der den Respekt seiner Untergebenen genießt, sind der Leutnant mit dem nervösen Finger und erst recht der Psychopath Waco Menschen, denen man nicht ausgeliefert sein will. Letzterer erinnert etwas an Colonel Kurtz aus Apocalypse now.

Die Handlung wird episodenhaft in mehreren Rückblenden erzählt und erschließt sich dem Zuschauer dadurch erst nach und nach. Die immer wieder eingestreuten Gefechtsszenen sind gut gemacht und die einzelnen Charaktere sind hinreichend detailliert ausgearbeitet, um ihr Handeln nachvollziehen zu können. Unter dem Strich sehr beachtlich und für die damalige Zeit eine bemerkenswert kritische Herangehensweise.