Sonntag, 24. Juli 2016

BETWEEN HEAVEN AND HELL (Richard Fleischer, 1956)

Between Heaven and Hell erzählt die interessante Geschichte von Sam Francis Gifford, einem vermögenden Landbesitzer, der sich nach dem Eintritt der Amerikaner in den 2. Weltkrieg unvermutet auf einer (nicht näher bezeichneten) Insel im Pazifik mitten im Kriegsgebiet wiederfindet. Dort steht er aber zunächst unter dem Schutz seines Schwiegervaters, des Oberst Cousins, der Kommandant des Regiments ist, in dem Gifford dient. Der besorgt ihm auch gleich einen Silverstar für seine heldenhafte Ausschaltung eines gegnerischen Scharfschützen. Doch als sein Schwiegervater durch einen hinterhältigen Angriff getötet wird, beginnt sich das Blatt gegen ihn zu wenden. Und er beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Die Baumwollpflücker, auf die er zuvor im zivilen Leben mit Verachtung herabgeblickt und zudem noch schlecht behandelt hatte, sind plötzlich seine Kameraden und Freunde. Aus Wut über einen Offizier, der in einer nervösen Kurzschlussreaktion seine neugewonnenen Freunde erschießt, geht er diesem an die Kehle und wird dafür zunächst in Haft genommen und später strafversetzt auf einen Außenposten, wo der psysisch kranke Captain Grimes, der sich von allen nur Waco nennen lässt, das Sagen hat.

Between Heaven and Hell wirft einen für die Entstehungszeit ungewohnt kritischen Blick auf das amerikanische Militär und zeigt, welche psychischen Spuren der Krieg in den eigenen Reihen und speziell auch bei den Offizieren hinterlässt. Ist Oberst Cousins noch ein ehrenhafter Offizier, der den Respekt seiner Untergebenen genießt, sind der Leutnant mit dem nervösen Finger und erst recht der Psychopath Waco Menschen, denen man nicht ausgeliefert sein will. Letzterer erinnert etwas an Colonel Kurtz aus Apocalypse now.

Die Handlung wird episodenhaft in mehreren Rückblenden erzählt und erschließt sich dem Zuschauer dadurch erst nach und nach. Die immer wieder eingestreuten Gefechtsszenen sind gut gemacht und die einzelnen Charaktere sind hinreichend detailliert ausgearbeitet, um ihr Handeln nachvollziehen zu können. Unter dem Strich sehr beachtlich und für die damalige Zeit eine bemerkenswert kritische Herangehensweise.

Donnerstag, 30. Juni 2016

ALICE THROUGH THE LOOKING GLASS (James Bobin, 2016)

Eine Fortsetzung von Alice in Wonderland hatte ich gar nicht auf der Rechnung. Hätte ich auch nicht unbedingt gebraucht, zumal Tim Burton nicht Regie geführt, sondern lediglich die Rolle des Produzenten übernommen hat. Außerdem bin ich sowieso kein Freund von Fortsetzungen. Meine Tochter wollte aber unbedingt ins Kino, und so habe ich mich überreden lassen. Und ich wurde positiv überrascht, denn im Gegensatz zu vielen anderen zweiten Teilen gelingt es Alice through the Looking Glass beinahe nahtlos an den Vorgänger anzuschließen. Und das, obwohl nicht Burton Regie geführt hat, sondern der mir unbekannte James Bobin, der bisher hauptsächlich fürs Fernsehen tätig war. Dies fällt jedoch überhaupt nicht ins Gewicht und hätte ich es nicht gewusst, wäre ich vermutlich der Meinung gewesen, Tim Burton sei für den Film verantwortlich.

Kontinuität ist alleine schon dadurch gewahrt, dass alle wichtigen Rollen aus Teil 1 wieder mit denselben Schauspielern besetzt werden konnten  - was angesichts dessen finanziellen Erfolgs nicht verwunderlich ist - und auch die Disney-Drehbuchautorin Linda Woolverton wieder für das Script verantwortlich war. Burtons Stammkomponist Danny Elfman sorgte natürlich wieder für die musikalische Untermalung - und das in gewohnt souveräner Art und Weise. Wie schon beim Vorgänger ist das Treiben recht kindlich ausgefallen. Man muss sich als Zuschauer natürlich auf das Ganze einlassen und eintauchen in diese von so bizarren Figuren wie der Grinsekatze oder den Zwillingen Tweedledee und Tweedledum bevölkerten Welt. Wenn einem dies gelingt, kann man durchaus seine Freude haben an diesem Film. Eine absolute Show ist wieder die von Helena Bonham Carter verkörperte rote Königin, die schon im ersten Teil meine Lieblingsfigur war. Storytechnisch kann Alice through the Looking Glass nicht völlig überzeugen. Unter dem Strich dennoch allemal sehenswert und keinen Deut schlechter als sein Vorgänger. Gute Unterhaltung für die ganze Familie.

Dienstag, 31. Mai 2016

THE REVENANT (Alejandro González Iñárritu, 2015)

Angesichts des mächtigen Getöses, das im Vorfeld des Kinostarts um The Revenant veranstaltet wurde, waren meine Erwartungen sehr hoch. Die Sichtung verlief dann mit einem eher ernüchternden Ergebnis. Denn trotz der eigentlich guten Story, die ja angeblich auf einer wahren Begebenheit im Leben des Trappers Hugh Glass beruht, ist Iñárritus neuer Film vor allem eines: langatmig. Dabei fängt alles so gut an. Der Indianerüberfall zu Beginn ist von beachtlicher Intensität und sehr dynamisch inszeniert und auch Glass' Kampf mit dem Grizzly ist höchst spannend und wirkt erschreckend echt. Leider kann der mexikanische Starregisseur dieses Niveau nicht halten und verzettelt sich zunehmend in esoterischen Spielereien und bedeutungsschwangeren Visionen, die sich um das zentrale Motiv der Ermordung von Glass' indianischer Frau drehen, sodass man sich stellenweise fast in einem Terrence-Malick-Film wähnt. Und überhaupt: dieser ganze elende Subplot um die fehlende Akzeptanz von Glass' Mischlingssohn durch die Trapper-Gruppe, die letztlich in dessen Ermordung durch den Indianerhasser Fitzgerald mündet, ist vollkommen unnötig und erkennbar dem Bemühen geschuldet, die in Hollywood so angesagte Rassismus-Thematik im Film unterzubringen. Sowas macht sich bei der Oscar-Verleihung immer gut. Der reine Selbstzweck also, einen Mehrwert gibt dies dem Film nicht.

Und so schleppt sich das Geschehen über weite Strecken ähnlich mühsam dahin wie der verwundete Glass durch die verschneite Wildnis. Spannend ist das nur selten, zumal Überraschungen ausbleiben. Die Regenerationsfähigkeiten, die der Protagonist dabei an den Tag legt, sind erstaunlich. Kann er sich anfangs nur kriechend bewegen, springt er bald wie ein junges Reh durch die Gegend, stiehlt ein Pferd von einer Truppe französischer Trapper und vollbringt im Vorbeigehen noch eine gute Tat, indem er eine gefangen gehaltene Häuptlingstochter vor ihrem Vergewaltiger rettet. Ein echter Held eben. Zum Schluss kommt es dann zum unvermeidlichen Showdown, bei dem Iñárritu auch noch die letzten Ansätze von Logik und Realismus über Bord wirft. Dass der Kommandant des Forts sich überhaupt die Mühe macht, Fitzgerald zu verfolgen, ist angesichts des zeitlichen Rahmens, in dem die Handlung angesiedelt ist, wenig glaubwürdig. Dass er aber auch noch alleine mit dem halbtoten Glass die Verfolgung aufnimmt, statt einen Trupp Soldaten mitzunehmen, kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen. Das Ganze ist zudem unterlegt mit einem hektischen Score, der die Nerven des Zuschauers stellenweise arg strapaziert.

Ganz so schlimm, wie sich das alles liest, ist The Revenant aber nun auch wieder nicht. Denn ungeachtet der vorstehend geschilderten Schwächen kann die erste halbe Stunde durchaus überzeugen. Zudem gibt es durchweg schöne Landschaftsaufnahmen zu sehen und nicht zuletzt mit Leonardo DiCaprio und Tom Hardy zwei starke Hauptdarsteller. Vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu hoch, doch ich bin sicher, dass bei einer strafferen Inszenierung The Revenant ein weitaus besserer Film hätte werden können. Im direkten Vergleich mit dem tollen Birdman fällt The Revenant in jedem Fall deutlich ab.

Donnerstag, 31. März 2016

THE SHOOTIST (Don Siegel, 1976)

I'm a dying man scared of the dark.

The Shootist war bekanntlich John Waynes letzter Film, und einen würdigeren Abgang für einen der größten Western-Darsteller überhaupt kann man sich kaum vorstellen. Die Story um einen alternden Revolverhelden, der für seinen schnellen Abzug weithin gefürchtet ist, und der in das beschauliche Städtchen Carson City kommt, um sich dort zur Ruhe zu setzen und seine letzten Tage zu verbringen, hat mich jedenfalls sofort gefesselt. Books wird seit einiger Zeit von starken Schmerzen geplagt und sucht einen dort ansässigen, ihm lange bekannten Arzt auf (auch toll: James Stewart), um sich von ihm die Bestätigung der niederschmetternden Diagnose zu holen, die er schon von einem anderen Arzt erhalten hat: Krebs im Endstadium. Seine letzten Tage will er in Carson City verbringen. Er kommt bei der Witwe Bond Rogers unter, deren Herz er trotz ihrer anfänglichen Abneigung ihm gegenüber gewinnen kann.

Auch wenn über allem unverkennbar der Schleier der Melancholie liegt: The Shootist ist alles andere als ein trübseliger Film. Books, der es stets gewohnt war, jede Situation unter Kontrolle zu haben, will sich dem unaufhaltbaren Siechtum nicht einfach so hingeben, sondern selbstbestimmt in den Tod gehen - zu einem Zeitpunkt, den er bestimmt und unter Umständen, die er selbst wählt. Statt sich seinem Schicksal wehrlos zu ergeben, wählt er einen Abgang, der seinem Werdegang und dem damit verbundenen Ruf gerecht wird. Selbst seine Henker wählt er selbst, auch wenn diese sich letztlich als unfähig erweisen, ihre Aufgabe auszuführen, weil Books auf seine alten Tage immer noch schneller ist als seine Widersacher. Er ist ein Relikt aus einer anderen Zeit, deren Ende hier auch durch den Tod Königin Victorias symbolisiert wird, die das britsche Königreich zuvor 67 Jahre lang regiert hatte. Und doch zeigt er in seinen letzten Minuten noch allen, was eine Harke ist.

The Shootist ist ein Film voller erinnerungswürdiger Sprüche, mit einer tollen Story und erstklassigen und zum Teil recht amüsanten Dialogen. Insbesondere die Wortgefechte zwischen Bacall und Wayne sind wunderbar, die romantische Beziehung zwischen ihnen, die mehr angedeutet als ausgeschmückt wird, wirkt glaubwürdig und ist frei von Kitsch. Die beeindruckende Darsteller-Riege tut das ihre. Siegel hat das gewohnt zielstrebig und schnörkellos inszeniert und setzt der Western-Ikone John Wayne damit ein Denkmal. Ein großartiger Film!

CRIMSON PEAK (Guillermo del Toro, 2015)

Funny. That's the last thing Mother said, too.

Zu Guillermo del Toro habe ich ein eher schwieriges Verhältnis. Mit den meisten seiner Filme kann ich, soweit ich sie kenne, wenig anfangen. Ob Blade II, Hellboy oder Pacific Rim - alles keine Streifen, die ich mir freiwillig ein zweites Mal anschauen würde. Lediglich El Laberinto del Fauno ragt aus seinem höchst durchschnittlichen Werk positiv heraus und konnte mich nachhaltig beeindrucken.

Crimson Peak, sein neuester Film, hat auf den ersten Blick mehr mit Letztgenanntem gemein als mit den übrigen Filmen, die entweder einen Comic als Grundlage haben oder sich zumindest stilistisch in diese Richtung bewegen. Es handelt sich um einen traditionell erzählten Horrorfilm, der weder besonders originell ist noch mit außergewöhnlichen Ideen aufwarten kann. Mit der Logik nimmt er es auch nicht so genau, gilt es doch eine Reihe von Plotholes großzügig zu übersehen. Die Schockeffekte wirken meist weniger optisch, sondern eher aufgrund des äußerst gelungenen Sounddesigns, wobei man ohnehin die hinlänglich bekannte bekannte Geschichte von den eigentlich guten Geistern bemüht, die dem Protagonisten nur helfen wollen. Echte Angst muss man vor den zahlreichen Erscheinungen also nicht haben.

Das größte Plus ist ohne Zweifel das tolle Setting in dem alten Schloss, das eine höchst gelungene Kulisse für das Geschehen bildet. Von Anfang ist man sich als Zuschauer darüber im Klaren, dass man selbst unter keinen Umständen auch nur eine Nacht in dem schaurigen Gebäude verbringen würde und wünscht der Protagonistin dringend die nötige Einsicht, dies ebenfalls zu erkennen. Ein Lob gebührt an dieser Stelle dem dänischen Kameramann Dan Laustsen, der seine Fähigkeiten u. a. bei Le Pacte des Loups oder Nattevagten unter Beweis stellte. Darstellerisch wird hingegen solide Kost geboten. Die Beteiligten machen ihre Sache recht gut, ohne dabei groß zu glänzen. Solange man nichts Revolutionäres erwarten, wird man hier unter dem Strich sehr ordentlich unterhalten, und den deutlich erkennbaren Poe-Faktor habe ich mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Mittwoch, 16. März 2016

SPECTRE (Sam Mendes, 2015)

I can think of worse ways to go.

Schon im Vorfeld war klar, dass es schwierig werden würde, an das Niveau des sehr erfolgreichen Vorgängers Skyfall anzuknüpfen. Dessen waren sich ganz offensichtlich auch die Macher bewusst, und so bemüht man sich erkennbar, die Magie alter Zeiten heraufbeschwören. Das fängt schon beim Vorspann an, der erstmals seit dem Neustart der Reihe wieder mit der traditionellen Pistolenlauf-Sequenz aufwartet. Unterlegt ist diese allerdings von einem wirklich scheußlichen Song, der gewiss als einer der schwächsten Bond-Songs in die Geschichte eingehen wird. Auffällig sind die vielen Selbstreferenzen, die jedoch im Gegensatz zum hervorragenden Casino Royale völlig humorlos und ironiefrei vorgetragen werden. Schon die Story wirkt wie eine Verneigung vor den Anfängen der Reihe. Da gibt es eine Zugfahrt inklusive Schlägerei wie seinerzeit in From Russia with Love, das in mehreren Bondstreifen bemühte Motiv des Oberschurken als Gastgeber, wobei es sich in Wahrheit eher um eine Gefangennahme handelt, und mit Blofeld kommt ein alter Gegenspieler Bonds zu einem neuen Auftritt. Und da zeigt sich gleich auch die Schwäche dieser überbordenden Selbstverliebtheit: Nicht genug damit, dass Blofeld ein böser und mächtiger Gegenspieler ist, ist er zugleich auch quasi Bonds Adoptivbruder, der seinen Hass auf jenen als Triebfeder seines Handelns begreift, und nicht nur der heimliche Boss aller vorherigen Bondgegner sondern auch dafür verantwortlich ist, dass Bond alle Menschen verloren hat, die ihm mal etwas bedeutet haben. Blofeld ist seine ganz persönliche Nemesis. Doch damit immer noch nicht genug: Blofeld hat auch den Chef des britischen Geheimdienstes gekauft, um mit diesem gemeinsam den weltweiten Einsatz seines Spionagesystems zu erreichen. Wer angesichts solcher Kapriolen seine Fassung bewahrt, kann sich meines Respekts sicher sein. Mir jedenfalls wurde das alles irgendwann einfach zu viel und ich war nicht mehr bereit, der kruden Story inhaltlich zu folgen.

Nun ist Spectre nicht der erste Bondfilm mit zweifelhafter Story und oft genug ist es den Vorgängern gelungen, dieses Manko mit mitreißender Action zu kompensieren. Doch auch in diesem Punkt kann Bond Nummer 24 nicht völlig überzeugen. Abgesehen von der tollen Pre-Credits-Sequenz, die den Höhepunkt des Films darstellt, gibt es wenig, was das Herz des Actionfreundes höher schlagen lässt. Zwar ist die Verfolgungsjagd mit den Autos routiniert inszeniert, wirkt aber erstaunlich bieder und vermittelt den Eindruck, als habe Mendes nicht gewusst, wie er die Handbremse löst. Und auch in puncto Bondgirls schwächelt Spectre. Monika Bellucci sieht für ihre 50 Lenze ziemlich alt aus (wenn auch nicht unattraktiv) und zu sagen, die blasse Léa Seydoux hätte keine Austrahlung, ist eine maßlose Untertreibung. Dass Bond sich in dieses unreife kleine Mädchen verlieben und wegen ihr seine Agententätigkeit an den Nagel hängen soll, ist die Krönung der an Absurditäten nicht armen Geschichte.

Gibt es auch Positives zu berichten? Durchaus: der neue Aston Martin DB10, der extra für den Film gebaut wurde, ist ein Hingucker, kommt aber leider nur zu einem kurzen Einsatz, es gibt ein paar schöne, wenn auch nicht übermäßig exotische Locations zu bewundern und die erste Film Hälfte ist dank eines gewohnt starken Daniel Craig ziemlich unterhaltsam geraten, bevor das Script dann im zweiten Teil ziemlich aus dem Ruder läuft. Und so ist Spectre zwar nicht völlig misslungen, zählt nach meinem Empfinden aber in jedem Fall zu den schwächeren Bonds.

Donnerstag, 25. Februar 2016

THE EQUALIZER (Antoine Fuqua, 2014)

I see a lot of widowed guys. Something in your eyes. You know, it’s not sad. It’s just kind of…lost, you know?

The Equalizer ist ein bis ins kleinste Detail durchgestylter typischer Fuqua-Film, der jedoch ungeachtet seiner zeitlichen Verortung in der Gegenwart unverkennbar den Geist der 80er Jahre atmet. Dies kommt nicht von ungefähr, handelt es sich doch um die Wiederbelebung der gleichnamigen Fernseh-Serie aus dieser Zeit, die mir allerdings gänzlich unbekannt ist. Entsprechend unvorbelastet konnte ich die Sichtung angehen.

Seit der frühere Agent Robert McCall seinen Tod durch eine Autobombe vorgetäuscht hat, lebt er ein unauffälliges Leben, das vom Tod seiner Frau geprägt ist. Emotionslos, beinahe wie eine Maschine, vollzieht er die immer gleichen Rituale, Tag für Tag. Abends besucht er regelmäßig ein Bistro, wo er die russische Nutte Teri kennenlernt, für die er so etwas wie väterliche Zuneigung entwickelt. Nachdem Teri von ihrem Zuhälter krankenhausreif geprügelt wurde, begibt er sich auf einen erbarmungslosen Rachefeldzug und legt sich ganz alleine mit der russischen Mafia an.

Zugegeben: das klingt jetzt nicht sonderlich originell und ist es auch nicht. Die Story könnte genauso gut aus einem 80er-Jahre-Actionreißer stammen, mit Charles Bronson, Steven Seagal oder Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle. Und auch die Kompromisslosigkeit, mit der Robert seine Mission durchzieht, sowie die brachiale Vorgehensweise erinnern an die Filme jener Zeit. Unter optischen Gesichtspunkten wähnt man sich hingegen sofort in einem Fuqua-Film. Statt dreckiger Hinterhöfe gibt es ausgesprochen schöne Hochglanzbilder zu sehen. Dabei ist The Equalizer erfrischend einfältig in der Schwarzweiß-Zeichnung seiner Figuren, die klischeehafter kaum sein könnten. Und der Protagonist ist ein wahrer Samariter, der sein Leben völlig selbstlos in den Dienst der Benachteiligten und Verbrechensopfer stellt. Eine Mutter Teresa mit Knarre sozusagen. Am Ende gibt er sogar über's Internet eine Anzeige auf und bietet sich der Online-Gemeinde als universeller Problemlöser an. Da könnte man glatt kotzen.

Dem Film schadet das aber gar nicht, denn dessen inhärente Logik funktioniert wunderbar, zumal der Fokus ohnehin auf den mitreißend inszenierten Actionszenen liegt, die zum Teil einfach mit Hingabe zelebrierte Hinrichtungen sind. Grandios zum Beispiel die Szene im Hinterzimmer eines Restaurants, in der Robert es mit gleich fünf Gangstern aufnimmt und die Abläufe vorher, auf die Sekunde getaktet, im Kopf durchgeht. Nicht unerwähnt bleiben darf der tolle Score des Briten Harry Gregson-Williams, der das Geschehen trefflich orchestriert. Und dass das simple Prinzip "ein Guter allein gegen das Böse" einen Film trägt, wurde in der Vergangenheit oft genug unter Beweis gestellt. The Equalizer bildet da keine Ausnahme und bietet zwei Stunden beste Unterhaltung.

Freitag, 19. Februar 2016

BLACK MASS (Scott Cooper, 2015)


Black Mass ist ein groß angelegtes Gangster-Epos, das die - zumindest im Kern wahre - Geschichte des Bostoner Kriminellen James Bulger erzählt, der erst im Jahr 2011 verhaftet wurde. Die Messlatte für derartige Geschichten legte Martin Scorsese anno 1990 mit seinem Meisterwerk Goodfellas ziemlich hoch. Da ist es keine Überraschung, dass Black Mass diese nicht erreicht.

Der Film beginnt mit den Anfängen der von Bulger geführten Bande Mitte der 70er Jahre und endet mit der Zerschlagung derselben. Bulgers Verhaftung wird nur kurz angedeutet. Um eine solch gewaltige Zeitspanne so abzudecken, dass der Zuschauer das Gefühl hat, er habe alles Entscheidende mitbekommen und alle relevanten Informationen erhalten, bedarf es schon außergewöhnlicher Fähigkeiten, über die Sott Cooper ganz offensichtlich nicht verfügt. Vielmehr hat man den Eindruck, einzelnen Episoden aus dem Leben des Gangsterbosses beizuwohnen, wobei dies bevorzugt Hinrichtungen von Personen sind, die sich ihm gegenüber ihm Ton vergriffen haben, ihn an ihrer Loyalität ihm gegenüber zweifeln ließen, geschäftlich im Weg sind oder ihm sonst irgendwie das Gefühl gegeben haben, eine Gefahr darzustellen. Wie Bulger sein kriminelles Imperium aufgezogen hat, womit er das Geld verdient, etc. kommt dabei etwas zu kurz.

Dies soll jedoch nicht heißen, dass Black Mass ein schlechter Film wäre - im Gegenteil: Seine Stärke ist eindeutig die detaillierte Charakterzeichnung seiner Figuren, und dies betrifft nicht nur Bulger selbst, sondern auch seine engsten Vertrauten und seine Verbündeten beim FBI. Die exzellente Besetzung bis in die Nebenrollen leistet dabei einen erheblichen Beitrag, aber auch Coopers offensichtliche Fähigkeit, das Maximale aus seinen Darstellern herauszuholen. Dass Johnny Depp eine erstklassige Leistung bieten würde, war im Vorfeld zu erwarten, und doch ist sein James Bulger ein derart bedrohlich wirkender Zeitgenosse, dass man als Zuschauer froh ist, ihm nicht begegnen zu müssen. Depp spielt das sehr zurückhaltend, ohne übertriebene Gesten oder irgendwelche zur Schau getragenen Manierismen. Und dennoch strahlt er in fast jeder Szene eine fast animalische Bedrohung aus. Beispielhaft sei die Sequenz genannt, in der er bei Connolly zu Hause zum Essen eingeladen ist. Connollys Frau mag ihn nicht und zieht sich unter dem Vorwand, sich nicht gut zu fühlen, auf ihr Zimmer zurück. Bulger kommt zu ihr, erkundigt sich süffisant nach ihrem Wohlergehen und tastet langsam ihr Gesicht und ihren Hals ab, nachdem sie ihm erklärt hat, sich krank zu fühlen. Dabei schafft er es, oberflächlich fast fürsorglich zu wirken und dennoch ist klar, dass es nur eines falschen Wortes oder einer unüberlegten Bewegung ihrerseits bedarf, um ihr Schicksal zu besiegeln.

Black Mass ist ein Film, bei dem in erster Linie die Darsteller glänzen. Ein paar Actionszenen gibt es zwar, auch eine Schießerei, doch wer hier ein Actionfeuerwerk erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Wer sich hingegen für traditionelles Darsteller-Kino mit detailliert porträtierten Charakteren begeistern kann, wird sicher auf seine Kosten kommen.

Donnerstag, 18. Februar 2016

THE MARTIAN (Ridley Scott, 2015)

I colonized Mars.

Scotts jüngster Film über den Astronauten Mark Watney, der von seinen Kollegen im Glauben, er sei tot, alleine auf dem Mars zurückgelassen wurde, bietet klassisches Erzählkino, das trotz des Themas erstaunlich bodenständig daherkommt. Der Vergleich mit Nolans Interstellar drängt sich angesichts des Themas natürlich auf. Wo jener einen visionären Ansatz verfolgt, konzentriert sich The Martian darauf, Watneys Rettung möglichst spannend zu erzählen. Im Ergebnis ist so ein einigermaßen (soweit ich das beurteilen kann) realistischer Film entstanden, abgesehen vielleicht von der finalen Rettungsaktion, die so sicherlich nicht möglich wäre. Ansonsten hat man aber nie das Gefühl, mit dem Drehbuchautor seien die Pferde durchgegangen. 

Dabei sind dennoch höchst beeindruckende Bilder entstanden, für die sich wieder einmal der Pole Dariusz Wolski verantwortlich zeigt, mit dem der britische Regisseur schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Die Außenaufnahmen für die Szenen auf dem Mars wurden im Wadi Rum in Jordanien gedreht, und es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass es auf dem Mars so ähnlich aussehen könnte. Die Inszenierung ist - wie von Scott gewohnt - routiniert und leistet sich keine Schwächen, die Musikauswahl hingegen etwas eigenwillig, wird aber damit schlüssig begründet, dass Watney ausschließlich die von seiner Kommandantin mitgebrachte Mucke zur Verfügung steht. Das Problem, über einen langen Zeitraum Watneys Isolation auf dem Mars zu zeigen, löste man elegant, indem man ihn ein Videotagebuch führen ließ, in dem er von seinen Aktivitäten berichtet. Das lockert das Ganze auf und vermeidet zudem zahlreiche Selbstgespräche des Protagonisten, die andernfalls als Erklärung für den Zuschauer erforderlich gewesen wären. In diesem Zusammenhang ist unbedingt auch Matt Damons Leistung hervorzuheben, der seine Rolle mit viel Witz und Sarkasmus interpretiert - sicherlich ein geeignetes Konzept um nicht zu verzweifeln, wenn man sich in einer derartigen Situation wiederfindet und daher keineswegs unpassend. Die übrigen Figuren entsprechen weitgehend den gängigen Klischees: die  Kommandantin, die sich Vorwürfe macht, weil sie einen ihrer Männer zurückgelassen hat, der Nerd, der die geniale Idee zur Rettung hat, der NASA-Direktor, der diese ablehnt, weil er nicht das Leben von fünf Menschen riskieren will, um ein einzelnes zu retten etc. Kennt man alles aus zahllosen anderen Filmen, stört aber nicht weiter, weil Menschen nun mal so sind. In der zweiten Filmhälfte kommen die Szenen auf dem Mars für meinen Geschmack etwas zu kurz, hier hätte ich gerne noch mehr über Watneys Reise zum Ares-IV-Landeplatz erfahren. Stattdessen dominieren Sequenzen auf der Erde, die zeigen, wie Watneys Rettung vonstatten geht.

The Martian ist ein nach den gängigen Formeln und zu weiten Teilen voraussehbarer, nichtsdestotrotz jedoch in hohem Maße spannender Science-Fiction-Film, der mit seiner interessanten Story, guten Darstellern und imposanten Bildern aufwarten kann.

Samstag, 13. Februar 2016

THE HATEFUL EIGHT (Quentin Tarantino, 2015)

That's the problem with old men: you can kick'em down the stairs and say it's an accident, but you can't just shoot'em. 

Na also, er kann's doch noch! Nachdem mich die beiden letzten Streifen des Meisters, Inglourious Basterds und Django unchained, ob ihrer deutlich erkennbaren Hinwendung zum Mainstream doch ziemlich enttäuscht hatten - wobei der große finanzielle Erfolg der Filme ihm letztlich irgendwo recht gegeben hat, besinnt er sich mit seinem neuesten Werk auf alte Stärken. Nicht nur der Cast erinnert an seinen genialen Erstling Reservoir Dogs, sind doch mit Tim Roth und Michael Madsen gleich zwei der "Hunde" vertreten, auch den Kammerspiel-Charakter hat The hateful Eight mit jenem gemein, auch wenn die ausgedehnte Eröffnungssequenz, in der eine Kutsche durch schneebedeckte Landschaften fährt, dies zunächst nicht vermuten lässt. Sind die "Acht" aber erstmal in der Hütte versammelt, entwickelt sich schnell ein dialoggetriebenes Kammerspiel, das wie eine Mischung aus Thriller, Western und dem klassischen "Who-dunnit"-Krimi anmutet, durchsetzt von einer kräftigen Prise derben Humors und einigen deftigen Splattereinlagen. 

Das Ganze ist natürlich in typischer Tarantino-Manier ungeheuer geschwätzig, doch im Gegensatz zu den überwiegend langweiligen Dialogen der beiden Vorgänger gestalten sich die Wortgefechte hier höchst unterhaltsam. Wobei Tim Roth interessanterweise den Christoph Waltz gibt und eine Rolle spielt, die den von dem Österreicher in den Vorgängern verkörperten Figuren sehr nahe kommt. Dabei kommt der Brite jedoch sympathischer rüber als sein Wiener Kollege und hat zudem nicht einmal ansatzweise soviel Screentime wie jener, sodass sein Auftritt deutlich weniger enervierend geraten ist. Michael Madsen spielt wieder die Rolle, die er in Tarantino-Filmen immer spielt und Samuel L. Jackson gibt einen richtigen Kotzbrocken, wobei generell zu sagen ist, dass sämtliche in der Hütte versammelte Charaktere durch und durch unsympathische Zeitgenossen sind - mit Ausnahme des Kutschers O.B. vielleicht, der aber nur wenige Szenen hat und dessen Charakter relativ blass bleibt. Einen kleinen Schwachpunkt bildet Jennifer Jason Leigh, deren Leistung nicht immer völlig überzeugend ist, doch fällt dies nicht weiter ins Gewicht.

Mit fortschreitender Spieldauer wird das Geschehen immer bizarrer und gleitend zunehmend ins Surreale ab. Stellenweise erinnert The hateful Eight eher an eine Theateraufführung als an einen Spielfilm, wobei ich dies keineswegs als negativ empfunden habe. Ein gutes Beispiel dafür ist die großartige "Tanz"-Szene zum Schluss - wer den Film gesehen hat, weiß was ich meine. Der Dynamik der Handlung kann man sich ohnehin nicht entziehen, und so vergehen die knapp drei Stunden wie im Flug. Mit einer Einordnung in Tarantinos Gesamtwerk bin ich nach nur einer Sichtung vorsichtig, aber soweit lege ich mich fest: The hateful Eight ist ein großartiger Film und der beste von Tarantino seit Kill Bill.