Dienstag, 29. Dezember 2015

SICARIO (Denis Villeneuve, 2015)

Sicario ist einer von zahllosen Filmen, der sich der Drogenproblematik im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko verschrieben hat. Sein Ansatz ist dabei weder neu noch originell. Vielmehr kommt er zu der banalen Erkenntnis, dass den Kartellen mit der Macht des Gesetzes nicht beizukommen ist und die Obrigkeit daher gezwungen ist, nach ihren Regeln zu spielen. Rechtsstaatliche Prinzipien sind wenig hilfreich im Kampf gegen das organisierte Verbrechen - keineswegs eine bahnbrechende Erkenntnis.

Das Drehbuch versucht aber, besonders schlau zu sein, indem es eine völlig naive Polizistin, die bisher ein Team leitete, das sich mit Entführungsfällen beschäftigte und in Sachen Drogen völlig unbeleckt ist, scheinbar in den Mittelpunkt der Handlung stellt, um von der eigentlich zentralen Figur, dem titelgebenden Auftragskiller Alejandro abzulenken. Dies gelingt nur bedingt, da die Figur der Polizistin Kate (eine stark abgemagerte Emily Blunt) völlig überzogen ist in ihrer Unerfahrenheit und grenzenlosen Naivität. Auch wenn ihre Kollegen noch so stichhaltige Argumente für ihr Vorgehen haben, gibt sie die unerschrockene Kämpferin für Gesetz und Ordnung und zeigt sich angewidert von deren wenig zimperlichen Methoden. Dabei ist sie aber erstaunlich inkonsequent: obwohl sie mit allem nichts zu tun haben will, bleibt sie dennoch dabei und will wissen, was gespielt wird und wird so letztlich zur Komplizin. Womöglich stellt sich der amerikanische Kinogänger so die idealistische junge Polizistin vor - mir waren das ein paar Klischees zu viel. Im Grunde genommen ist die Figur komplett überflüssig und ich bin überzeugt, dass der Film ohne sie besser funktionieren würde. Wie zu lesen war, musste Villeneuve seine weibliche "Hauptdarstellerin" gegen den Widerstand der Produzenten durchboxen. Da wünscht man sich doch glatt, die Produzenten wären konsequent gewesen. Doch es gibt noch eine Steigerung: Kate hat noch einen befreundeten Kollegen, dessen Rolle noch überflüssiger ist und der im ganzen Film keine zehn Sätze spricht.

So bildet Benicio del Toro als Killer auf Rachemission das eigentliche Zentrum des Films. Ein von persönlichen Motiven getriebener Desperado, der nicht danach fragt, für wen er arbeitet, solange er sein Ziel erreicht. Damit bildet er die weitaus interessantere Figur, auch wenn man über ihn nur wenig erfährt.

Punkten kann Sicario mit seiner schnörkellosen, geradlinigen Inszenierung, den gefälligen Bildern von Roger Deakins, guten Darstellern (neben dem bereits erwähnten Benicio del Toro sticht noch Josh Brolin heraus, der allerdings ebenfalls eine mit Klischees beladene Rolle abbekommen hat) und einem stetigen Spannungsaufbau, der den Zuschauer über die zwei Stunden bei der Stange hält. Und so ist unter dem Strich ein ausgesprochen solider Genrebeitrag entstanden, dessen Sichtung trotz der eingangs erwähnten Schwächen durchaus Vergnügen bereitet. Mit einem etwas besseren Drehbuch wäre hier sicherlich noch mehr drin gewesen. Inhaltlich bietet Sicario lediglich Altbekanntes, doch formal macht der Streifen echt was her.

Montag, 28. Dezember 2015

THE MAN FROM EARTH (Richard Schenkman, 2007)

I'm going home and watch Star Trek for a dose of sanity.

Bis vor wenigen Tagen hatte ich noch nie etwas über The Man from Earth gehört. Der Film wurde mir von einem Kollegen empfohlen, und seine Worte machten mich so neugierig, dass ich mir das Teil umgehend besorgte. Erzählt wird die Geschichte des Professors John Oldman, der dabei ist, in eine andere Stadt umzuziehen und Besuch von seinen Kollegen erhält, die sich von ihm verabschieden und dabei in Erfahrung bringen wollen, warum er scheinbar grundlos nach zehn Jahren erfolgreicher Dozententätigkeit das Weite sucht. Nach einigem Zögern erklärt er seinen überraschten Kollegen, dass er ein Cro-Magnon sei, ein Urzeitmensch, und seit mehr als 14.000 Jahren auf der Erde lebe. Da er nicht altere, wechsle er etwa alle zehn Jahre seinen Standort um nicht aufzufallen. Während seine Kollegen dies anfangs als Scherz abtun, setzt sich im Laufe der Diskussion bei ihnen die Erkenntnis durch, dass John wirklich von dem überzeugt ist, was er sagt. Und so entfaltet sich ein faszinierendes Gespräch zwischen ihm und seinen Kollegen (wie er allesamt Wissenschaftler) darüber, inwieweit das Überleben eines Urzeitmenschen bis in die heutige Zeit möglich ist und wie er die Entwicklung der Menschheit in den letzten Jahrtausenden erlebt hat.

Wie sich anhand der Inhaltsangabe bereits erahnen lässt, handelt es sich im weitesten Sinne um ein Kammerspiel, auch wenn einige Szenen vor oder in unmittelbarer Nähe von Johns Haus spielen. Abgesehen von zwei Möbelpackern, die irgendwann auftauchen, weil John seine Einrichtung einem Wohlfahrtsverband gespendet hat, sind da nur Johns Besucher, zu denen sich später auch ein Psychiater aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis gesellt. Die Handlung wird ausschließlich durch die Gespräche vorangetrieben. Diese sind zugleich die große Stärke des Films. Aufgrund des wissenschaftlichen Hintergrunds der Besucher stellen diese intelligente Fragen, auf die John immer die passenden Antworten hat. Dabei wirkt er keineswegs allwissend oder übermenschlich, sondern legt schlüssig dar, dass er Vieles von dem, was er jetzt weiß, erst im Nachhinein durch Erzählungen, Nachrichten, wissenschaftliche Bücher etc. erfahren hat bzw. in den Gesamtkontext einordnen konnte. Das alles wirkt so glaubhaft und wird mit entwaffnender Logik vorgetragen, dass man als Zuschauer schnell geneigt ist, sich auf seine Geschichte einzulassen. Das gilt selbst dann noch, wenn diese im weiteren Verlauf immer kuriosere Wendungen nimmt. Doch soll an dieser Stelle nicht zuviel verraten werden.

Wie man den Film aufnimmt, ist individuell wahrscheinlich sehr unterschiedlich und hängt nicht zuletzt von der eigenen religiösen Überzeugung ab, denn natürlich ist The Man from Earth auch ein Film über Glauben und Religion. Ich für meinen Teil konnte gar nicht genug kriegen von den faszinierenden Geschichten, die John zu erzählen hatte und saß wie gebannt vor dem Bildschirm. Mit seinem in höchstem Maße fesselndem Film belegt Schenkman, dass es keines großen Budgets bedarf und keiner teuren Spezialeffekte, um sein Publikum nachhaltig zu beeindrucken. Eine gute Story, clevere Dialoge und überzeugende Darsteller sind dafür mehr als genug.

Freitag, 25. Dezember 2015

AVP: ALIEN VS. PREDATOR (Paul W.S. Anderson, 2004)

Die Idee, zwei der prägenden Weltraum-Monster der letzten Jahrzehnte quasi gegeneinander antreten zu lassen, mutet befremdlich an, und so habe ich bisher einen Bogen um dieses Vehikel gemacht. Doch nachdem ich inzwischen den ein oder anderen Film von Paul W.S. Anderson gesehen habe und diesen auch durchaus positive Seiten abgewinnen konnte, habe ich mich nun mit 10-jähriger Verspätung doch zu einer Sichtung durchgerungen. Und siehe da: das Ergebnis ist gar nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte.

Die Story ist erwartungsgemäß völliger Blödsinn. Auf die Idee, dass eine außerirdische Rasse alle hundert Jahre auf die Erde kommt, um dort eigens zu diesem Zweck gezüchtete Aliens in einer unterirdischen Pyramide zu jagen, um sich der eigenen Heldenhaftigkeit zu versichern, und sie anschließend wieder zu vernichten, damit sie sich nicht über die gesamte Erde ausbreiten können, muss man erstmal kommen. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn wer einen Anderson-Film schaut in der Hoffnung, intelligent unterhalten zu werden, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Und so bietet AVP genau das Erwartete: gut 100 Minuten schnittig inszenierter Action mit gut gemachten Spezialeffekten – und glücklicherweise sehr überschaubarem Zeitlupeneinsatz – mit Sanaa Lathan eine recht ansehnliche Protagonistin, stimmungsvolle altertümliche Sets, eine unheilvoll-düstere Atmosphäre und herrlich fiese Monster, von denen sich die Predators letztlich als die berechenbarere und somit sympathischere Spezies herauskristallisieren. Da stören die klischeehaften Figuren ebenso wenig wie die gegen Ende immer abstruseren Kapriolen, die das Drehbuch schlägt. Für kurzweilige Unterhaltung ist gesorgt. AVP bietet gutes Popcorn-Kino, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

THE ZERO THEOREM (Terry Gilliam, 2013)

Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger wirkt The Zero Theorem deutlich runder und in sich geschlossener. Gilliams Vorstellungen von der Zukunft sind immer altbacken. Das war schon bei Brazil so, wobei das dort natürlich auch mit der Entstehungszeit zu erklären ist – hat er doch immerhin 30 Jahre auf dem Buckel. The Zero Theorem wirkt dabei so, als sei er kurze Zeit später entstanden oder als habe sich die Film- und Tricktechnik seither keinen Deut weiter entwickelt. Lediglich das Zukunftsszenario wurde etwas aktualisiert. Das kann man anprangern oder aber charmant finden. In jedem Fall sind die stilistischen Ähnlichkeiten zu Brazil nicht zu leugnen. Die allgemeine Skepsis, die Gilliam der Obrigkeit – sei es nun die staatliche oder eine firmenhierarchische, wobei die Übergänge hier fließend sind – gegenüber hegt, kommt wieder deutlich zum Ausdruck, denn auch hier wird der Protagonist rund um die Uhr von Videokameras überwacht. Einige Ideen sind recht witzig, wenn auch nicht unbedingt neu, wie beispielsweise die sexuelle Interaktion in einer virtuellen Realität über das Internet. Wobei die totale Reizüberflutung, der der Protagonist ausgesetzt ist, ja längst Realität ist.

In der Hauptrolle gibt es einen Christoph Waltz, der mit Hingabe seine inzwischen hinlänglich bekannten Manierismen zelebriert, wobei das hier sogar ganz gut zu seinem Charakter passt. Zumindest würde es niemanden überraschen, wenn er von sich stets in der dritten Person Plural redete. Alles in allem eine weniger nervige Darbietung wie sonst bei ihm üblich. Tilda Swinton hat einen witzigen Part als seine Therapeutin und erinnert dabei etwas an ihre Rolle als Ministerin Mason in Bong Joon-hos Snowpiercer. Gut auch Matt Damon als gewissenloser Firmeninhaber, der alles dem Erfolg unterordnet. Herausgekommen ist wieder einmal eine quietschbunte Mischung, die interessante Fragen aufwirft ohne sie zu beantworten und dabei immer zwischen Tragödie und Komödie changiert. Eine Mischung, die zumindest ich als kurzweilig und unterhaltsam empfunden habe.

Samstag, 19. Dezember 2015

THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS (Terry Gilliam, 2009)

The Imaginarium of Doctor Parnassus ist gemeinhin bekannt als der Film, während dessen Dreharbeiten Heath Ledger starb. Dadurch war Gilliam gezwungen, zu improvisieren und das Drehbuch zu ändern. Die Lösung, Ledgers Charakter jenseits des Spiegels durch drei andere Schauspieler (Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell) verkörpern zu lassen, wirkt im fertigen Film keineswegs höherer Gewalt geschuldet, sondern unterstreicht vielmehr die Ambivalenz des Charakters, dessen Lebensgeschichte zu einem guten Teil aus Betrug, Lügen und der Vorspiegelung falscher Tatsachen besteht. Und so ist dies ironischerweise das kleinste Problem mit Gilliams Film. Wer sich auf seine Arbeiten einlässt, weiß um deren Sperrigkeit, auch wenn Gilliam gelegentlich Filme macht, die ohne große Hirnakrobatik zu verdauen sind. The Imaginarium of Doctor Parnassus allerdings wirkt so, als habe der britisch-amerikanische Regisseur eine Kiste voller verrückter Ideen auf den Boden geschüttet und sei während der Dreharbeiten noch dabei gewesen, diese zu sortieren. Die Einflüsse sind vielfältig: neben dem Faust'schen Grundmotiv (toll: Tom Waits als Teufel!) finden sich Elemente aus Alice in Wonderland, Reminiszenzen an die alten Monthy-Python-Tage, Elemente des fernöstlichen Theaters, Anleihen bei den klassischen Märchen und Vieles mehr. Dazwischen irrlichtern die Darsteller umher, als hätten sie sich in einem verwunschenen Wald verlaufen und fänden den Ausgang nicht mehr. Gilliam bestreitet ja stets, dass Drogen bei der Produktion seiner Filme im Spiel sind, doch wäre dies immerhin eine einleuchtende Erklärung für das ganze Durcheinander. Jedenfalls vermittelt das fertige Produkt den Eindruck, die Macher hätten die Kontrolle über das Projekt verloren und bis zur Fertigstellung nicht mehr wieder erlangt.

Trotz seiner Schwächen ist The Imaginarium of Doctor Parnassus jedoch alles andere als ein schlechter Film. Gilliams Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt, und es hat durchaus seinen Reiz, sich auf seine im wahrsten Sinne des Wortes phantastischen Ideen einzulassen. Und auch wenn es dem Werk erkennbar an Struktur und Ordnung fehlt, viele Dinge nur angerissen, aber nicht zu Ende gebracht werden, kann man sich der Faszination dieses kunterbunten Irrsinns nur schwer entziehen. Das Ende war mir wiederum zu versöhnlich, hier hätte ich mir etwas mehr Boshaftigkeit gewünscht.

Donnerstag, 17. Dezember 2015

THE HOBBIT: THE BATTLE OF THE FIVE ARMIES (Peter Jackson, 2014)

Traditionell in der Vorweihnachtszeit erscheint die Langfassung des aktuellsten Peter-Jackson-Films. 20 Minuten zusätzlichen Materials gibt es zu bestaunen, und wie bei den Vorgängerfilmen sind auch hier die Ergänzungen wieder sinnvoll und lassen das Gesamtwerk stimmiger und runder erscheinen. Ein Großteil davon entfällt auf Kampfszenen, wobei u. a. zahlreiche Enthauptungen ergänzt wurden. Insgesamt hat sich der Gewaltgrad im Vergleich zur Kinofassung deutlich erhöht. Dabei bleibt das Geschehen aber immer noch kindgerecht und familientauglich. Besonders gelungen ist eine längere Verfolgungsjagd mit einigen Zwergen in einem von Steinböcken gezogenen Streitwagen über ein zugefrorenes Flussbett. Die erweiterten Kampfszenen, bei denen zum Teil auch zusätzliche Kreaturen eingefügt wurden, verleihen der Schlacht mehr Intensität, die dadurch dem Anspruch, eine Auseinandersetzung epischen Ausmaßes zwischen fünf verschiedenen Völkern zu zeigen, eher gerecht wird. Das Zurückstellen eigener Interessen und Beilegen der kleineren Konflikte untereinander zugunsten des gemeinsamen Kampfes gegen eine dunkle Macht erinnert in der aktuellen politischen Großwetterlage frappierend an den Kampf der internationalen Staatengemeinschaft gegen den sogenannten Islamischen Staat. Wie in der Realität müssen die Führer im Film ihre Egoismen überwinden, um gemeinsam die freie Welt zu verteidigen. Die Parallelen sind natürlich Zufall, zeigen aber auch, dass der Kampf gegen das Böse ein immer währender ist.

Peter Jackson ist ein Meister im Erzählen solcher Geschichten, und auch wenn die Hobbit-Trilogie aufgrund der dünnen Story nicht mit der LotR-Trilogie mithalten kann, ist es ihm doch gelungen, über drei Filme mit einer Gesamtspielzeit von etwas mehr als 8 1/2 Stunden hinweg den Zuschauer erneut in die faszinierende Welt Mittelerdes zu entführen und ihn teilhaben zu lassen am Leben von Hobbits, Zauberern und Elben. Dies gelingt ihm, indem er eine atemberaubende Bilderpracht entfaltet und mit beeindruckendem Detailreichtum  aufwarten kann. Tricktechnisch ist das dennoch nicht makellos - so sieht man beispielsweise den Animationen, wenn die von den Zwergen gerittenen Steinböcke die Felswände erklimmen, ihre Computer-Herkunft deutlich an. Und auch Legolas Springeinlagen über die unter ihm wegbrechenden Felsbrocken sehen nicht sehr überzeugend aus. Dem hohen Unterhaltungswert tut dies keinen Abbruch. Glücklicherweise verzichtete Jackson auf Änderungen am Ausgang der Geschichte, so dass auch in der langen Fassung einige der Helden ihr Leben lassen müssen. Dies unterstreicht den märchenhaften Charakter des Films und entlässt denen Zuschauer mit einer Prise Wehmut.

Montag, 30. November 2015

EVERLY (Joe Lynch, 2014)

I'm nobody's bitch!

In einem User-Review in der imdb heißt es: I watched this film because I wanted to look at Salma Hayek for 90 minutes. Dies beschreibt auch meine Motivation für die Sichtung von Everly ziemlich gut. Meine Erwartungshaltung war dementsprechend gering und in Anbetracht dessen wurde ich positiv überrascht. Schon der Auftakt ist äußerst vielversprechend, der eine blutverschmierte, nackte Salma Hayek mit gehetztem Blick eine Pistole aus dem Spülkasten einer Toilette fischen lässt.

Everly ist ein dreckiger, kleiner Rachethriller, der sich die FSK18-Einstufung durch seinen deftigen Härtegrad redlich verdient hat. Die Story ist betont schlicht gehalten und weist deutliche Parallelen zu Tarantinos Kill Bill auf, ist aber vielleicht ein Stück weit kompromissloser und gemeiner als jener. Die Tatsache, dass praktisch die gesamte Handlung nur in einer Wohnung spielt, verleiht ihm zudem einen beinahe kammerspielartigen Charakter. Ein äußerst blutiges Kammerspiel, wohlgemerkt, denn der Ideenreichtum des Produktionsteams, was das Foltern und Töten der Opfer angeht, ist bemerkenswert. Everly ist wie ein direkter, harter Schlag in die Fresse. Bei all dem Gemetzel kommt aber auch der Humor nicht zu kurz. Die Macher können mit einigen netten Einfällen aufwarten. Das hohe Tempo sorgt dafür, dass keine Langeweile aufkommt und gönnt dem Zuschauer und der armen Everly keine Verschnaufpause. Kaum hat sie sich eines Häschers entledigt, steht schon der nächste Gestörte auf der Matte. Zu den Highlights zählt der Auftritt des Sadisten mit den Säurefläschen, der sich mit den Worten I'm the Sadist vorstellt und als Make-up-Artisten bezeichnet. Was er damit meint, demonstriert er kurz darauf auf drastische Art und Weise. Der Typ ist an Irrsinn kaum zu überbieten. Der anspruchsvolle Filmfreund wird sich hier schaudernd abwenden, aber wer auf kompromisslose und überdies auch recht abwechslungsreiche Action steht, wird sicher auf seine Kosten kommen, zumal Joe Lynch das Gemansche recht zielsicher in Szene gesetzt hat. Und Salma Hayek ist nicht nur atemberaubend schön, sondern trägt die (zugegebenermaßen recht dünne) Story mit einer starken Leistung souverän über die 90 Minuten. Hat mir richtig gut gefallen.

Donnerstag, 26. November 2015

HITCHCOCK (Sacha Gervasi, 2012)

No American movie has ever found it necessary to show a toilet, let alone to flush one.

Unterhaltsames und recht amüsantes Filmchen über die Entstehung des Hitchcock-Klassikers Psycho, das insbesondere durch seine starken Darsteller, die gefällige Inszenierung und die spritzigen Dialoge Pluspunkte sammeln kann. Sowohl Anthony Hopkins, dessen Transformation hin zum britischen Ausnahmeregisseur auch optisch gut gelungen ist, als auch Hellen Mirren überzeugen auf ganzer Linie.

Bei der Handlung orientierte man sich an den tatsächlichen Ereignissen und peppte diese aus dramaturgischen Gründen an der ein oder anderen Stelle etwas auf. Kennt man schon aus anderen Filmen, die einen biographischen Hintergrund haben. Spannend im eigentlichen Sinne ist das nicht unbedingt, aber sehr kurzweilig. Besonders amüsant sind die Verhandlungen Hitchcocks mit der Zensurbehörde. Da wird dann nicht nur über die Detailaufnahmen in erotischen Szenen diskutiert, sondern auch darüber, ob man unbedingt eine Toilette zeigen beziehungsweise deren Abzug betätigen muss. Und  des Meisters weithin bekannte Vorliebe für blonde Damen wird ebenso ausgiebig thematisiert wie sein Hang zum Voyeurismus. Etwas irritierend hingegen die Traum-/Fieberszenen, in denen Hitchcock sich mit dem Serienmörder Ed Gein unterhält, der das Vorbild für die Figur des Norman Bates war. Diese wirken irgendwie deplatziert und wollen nicht recht zu dem Bild passen, das Gervasi ansonsten vom Altmeister zeichnet. Aber im Traum ist ja sowieso grundsätzlich alles möglich.

Unter dem Strich sicher kein Film, bei dem es lohnt, große Worte zu verlieren, aber gediegene Sonntag-Nachmittag-Unterhaltung bietet Hitchcock allemal. Mir hat's ganz gut gefallen.

Freitag, 20. November 2015

TERMINATOR GENISYS (Alan Taylor, 2015)

Herrjeh! Ich bin ja nun seit vielen Jahren ein großer Freund der Terminator-Filme, angefangen von meiner ersten Begegnung mit dem Original irgendwann Mitte der 80er Jahre bis hin zum bisher letzten Beitrag Terminator Salvation und konnte bisher allen Beiträgen weitaus mehr positive als negative Seiten abgewinnen. Damit stoße ich beim nunmehr fünften Film an meine Grenzen. Schon meine Vorfreude war überschaubar, da ich den vierten Teil als perfekten Abschluss der Reihe angesehen hatte und mir nicht vorstellen konnte, inwieweit ein weiterer Film die Reihe noch um interessante Aspekte hätte bereichern können. Die negativen Kritiken beeindruckten mich hingegen weniger, da auch die vorherigen Filme in den Rezensionen verrissen wurden. Und doch übertrifft Terminator Genisys meine schlimmsten Befürchtungen, denn der Film ist von vorne bis hinten Murks.

Das fängt schon bei der außerordentlich blöden Idee an, nochmals in die Handlung des ersten Teils einzusteigen und deren Beginn in veränderter Form erneut zu erzählen. Obwohl die Szenen zum Teil 1:1 nachgestellt wurden, entfalten diese in der neuen Fassung nicht ansatzweise die Magie des Originals. Dadurch befindet sich T5 von Anfang an auf der Verliererstraße. Hinzu kommen die schwachen Darsteller, von denen keiner außer Arnie so etwas wie Charisma besitzt. Emilia Clarke als Sarah Connor ist ein Witz. Eine graue Maus mit null Ausstrahlung. Jai Courtney als Kyle Reese ist keinen Deut besser, und auch Jason Clarke kann als John Connor nicht überzeugen. Von dem unsäglichen Plottwist, der John Connor zu Skynets Verbündeten macht, ganz zu schweigen. Das ist die mit Abstand blödeste Idee der ganzen Terminator-Reihe. So ist es an Schwarzenegger zu retten, was zu retten ist, ist sein gealterter Terminator (The flesh they put on the cyborgs is normal human tissue. It ages.) doch der einzige Lichtblick in dieser filmischen Katastrophe und versprüht immerhin einen gewissen Charme. Doch angesichts der ganzen Unzulänglichkeiten kämpft er auf verlorenem Posten. Die Story ist an Dämlichkeit nicht zu überbieten, die Actionszenen sind zwar zum Teil ganz nett, bieten jedoch nichts Neues und überhaupt gibt es eigentlich gar nichts, was man an Terminator Genisys gut finden kann, egal wie sehr ich mich auch anstrenge. Ich war irgendwann fast so weit, den Player auszuschalten, aber irgendwie hab's ich dann doch zu Ende gebracht. Bleibt zu hoffen, dass der finanzielle Flop, der Terminator Genisys geworden ist, die Macher davon abhält, die Reihe noch weiter fortzusetzen. Denn – wie zu lesen war – sollte Terminator Genisys ursprünglich der Start einer neuen Trilogie sein. Aber das dürfte sich nun ja erledigt haben.

Ich bleibe dabei: Teil 4 war ein äußerst gelungener Abschluss der Reihe. Teil 5 wärmt nur Altbekanntes und macht dabei alles falsch, was man falsch machen kann. Old, not obsolete sagt Arnie so treffend. Auf den Film trifft das leider überhaupt nicht zu. Ich jedenfalls hätte diesen Murks nicht gebraucht. Selten war eine Fortsetzung so obsolet.

Samstag, 31. Oktober 2015

LOST RIVER (Ryan Gosling, 2014)

Ryan Gosling gibt hier sein Debut als Regisseur, und schon in den ersten Minuten wird klar, wer seine Vorbilder sind. David Lynch stand offensichtlich ebenso Pate wie Nicholas Winding Refn, mit dem Gosling bereits zwei Filme gemacht hat. Insbesondere der Vergleich mit Only God forgives drängt sich hier auf, denn wie jener ist auch Lost River weniger am Erzählen einer stringenten Handlung interessiert als an der Präsentation verstörender Bilder und bizarrer Szenen. Lost River mutet eher wie eine Collage absurder Situationen an, ein Kabinett des Surrealen.

Punkten kann Lost River neben den ungewöhnlichen Bildern vor allem mit der Darstellerriege, die Gosling vor der Kamera versammeln konnte. Ben Mendelsohn gibt einen herrlichen Schmierlappen, Eva Mendes sorgt für das optische Highlight, Saoirse Ronan ist sowieso immer toll und auch Christina Hendricks überzeugt als verzweifelte Mutter, die nicht weiß, wie sie ihre beiden Söhne ernähren und die Rate für das Haus aufbringen soll. So lässt sie sich schließlich auf das Angebot ein, in einem zwielichtigen Nachtclub eine Tätigkeit aufzunehmen.

Gosling kleidet seine Erzählung vom Untergang einer amerikanischen Vorstadt in ansprechende Bilder mit vorwiegend nächtlichen Aufnahmen. Szenen bei Tageslicht spiegeln die Trostlosigkeit wieder, die in der sterbenden Ortschaft vorherrscht. Eine öffentliche Ordnung scheint kaum mehr existent, und so hat der Ganove Bully mit seiner Bande das Kommando übernommen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die Bilder des merkwürdigen Vergnügungsclubs, in dem Geschäftsleute sich nachts an nackten Körpern und blutigen Inszenierungen ergötzen. Und immer dann, wenn Gosling nicht mehr weiß, was er noch zeigen soll, gibt es irgendwo ein Feuer.

Das alles ist nicht sonderlich originell und wirkt zum Teil auch etwas gestelzt, wobei ich die Idee mit der gefluteten Stadt, zu der noch eine alte Straße ins Wasser führt, interessant fand. Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der Film gebe vor, mehr zu sein als er tatsächlich ist. Allerdings kann man Lost River einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen. Langeweile kam bei mir jedenfalls keine auf, was sicherlich auch auf die überschaubare Spielzeit von gut 90 Minuten zurückzuführen ist. Dass Ryan Gosling der neue David Lynch werden wird, wage ich dennoch zu bezweifeln.

Freitag, 30. Oktober 2015

MAGGIE (Henry Hobson, 2015)

Das Debut des britischen Regisseurs ist eine Vater-Tochter-Geschichte der etwas anderen Art. In den USA wütet ein bösartiges Virus, das menschliches Gewebe zunächst absterben lässt und die Befallenen nach und nach in kannibalistische Zombies verwandelt. Auch Maggie, die älteste Tochter von Wade Vogel, ist erkrankt. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu einem der Chefärzte in der Quarantänestation gelingt es ihm, seine Tochter entgegen den geltenden Bestimmungen mit nach Hause zu nehmen und dort die letzten Tage bis zu ihrer Verwandlung gemeinsam mit ihr zu verbringen. Dabei lebt er in der ständigen Gewissheit, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem er seine Tochter den Behörden übergeben muss, wo ihr die Tötung mit einem schmerzhaften Giftcocktail droht, oder er ihr mit seiner Schrotflinte einen gnädigeren Tod angedeihen lassen muss. Dabei treibt ihn die Hoffnung an, dass es ihr mit seiner Hilfe gelingen möge, die bösen Geister solange wie möglich unter Kontrolle zu halten.

Wer hier die Schwarzenegger-typische Action oder – irregeleitet durch die lächerliche und völlig überzogene FSK18-Freigabe – ein wildes Zombie-Gemetzel erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Im Zentrum steht die Vater-Tochter-Beziehung, die sicherlich auch deswegen so intensiv ist, weil Wades Frau, die Maggies Mutter war, vor einigen Jahren verstorben ist, und er ihren Tod nie hat verwinden können. Maggie ist quasi das letzte Überbleibsel aus ihrem gemeinsamen Leben, und Wade ist wild entschlossen, seine ihre menschlichen Züge mehr und mehr verlierende Tochter notfalls mit Waffengewalt gegen die Polizei, die sie am liebsten in der geschlossenen Quarantänestation sehen würde, zu verteidigen.

Hobson erzählt dies überwiegend in ruhigen Bildern mit einer extrem reduzierten Farbpalette und verlässt sich dabei ganz auf seine starken Darsteller. Die erst 18-jährige Abigail Breslin überzeugt mit ihrem intensiven Spiel, das gekonnt zwischen Trotz, Aufbegehren, Fürsorge und Verletzlichkeit changiert. Auch Schwarzenegger kann in einer für ihn ungewohnten Rolle vollauf überzeugen und gibt den treusorgenden Vater, der dem Unausweichlichen mit stoischer Ruhe entgegenblickt und sich von nichts und niemandem von seinem Weg abbringen lässt. Die Chemie stimmt zwischen den beiden, und deswegen funktioniert Maggie auch auf die beabsichtigte Art und Weise. Spannend im eigentlichen Sinne ist der Film nicht unbedingt. Von Anfang an ist klar, dass es keine Heilung gibt. Alles läuft auf die finale Konfrontation zu, die dann doch im letzten Moment geschickt vermieden wird. Wade weiß, dass er seine Tochter früher oder später töten muss, doch zögert er den Moment so weit heraus, bis es fast zu spät ist. Gerade in diesen Szenen beweist Schwarzenegger, dass er ein besserer Schauspieler ist, als man vielfach gemeinhin annimmt.

Maggie ist ein ruhiger, kleiner Film mit einer beklemmenden Atmosphäre und schönen Bildern. Die Story erfindet das Genre nicht neu, weiß aber zu gefallen und ist dabei nicht unoriginell. Warum die Kritiken derart schlecht ausgefallen sind, will sich mir nicht erschließen und kann eigentlich nur damit erklärt werden, dass man falsche Erwartungen an Maggie hatte. Mir jedenfalls hat er ziemlich gut gefallen.

Freitag, 23. Oktober 2015

TERMINATOR SALVATION (McG, 2009)

So that's what death tastes like.

Nachdem die beiden letzten Filme im Grunde genommen die gleiche Story erzählten - mit leichten Variationen und unter Weiterentwicklung der Rahmenhandlung selbstverständlich - geht Terminator Salvation einen völlig anderen Weg. Er zeigt die tote, verwüstete Welt nach dem Atomkrieg und reiht sich damit ein in die Liste der (von mir überaus geschätzten) Endzeitfilme. In seiner konsequent düsteren Grundstimmung weckt er Erinnerungen an den ersten Teil. Den dümmlichen Humor der beiden Vorgänger warf McG ebenso über Bord wie die sonnendurchfluteten Bilder. Hier scheint nirgendwo die Sonne, alles ist grau und staubbedeckt. In monochromen Farbtönen zeigt er eine Welt, die von Maschinen kontrolliert wird, in der sich die Menschen wie Ratten verstecken. Dabei sind - ungeachtet der lebensfeindlichen Bedingungen - Bilder von apokalyptischer Schönheit entstanden. Der ganze Film ist voll von Einstellungen, die man sich am liebsten ausdrucken und an die Wand hängen würde.

Die Story gewinnt keinen Preis für Originalität, unterscheidet sich aber immerhin stark von denen der bisherigen Filme. Dadurch hat man nicht ständig das Gefühl, alles schon mal gesehen zu haben und letztlich geht es ohnehin nur darum, Skynet irgendwie zu besiegen. Am Ende ist die Schlacht gewonnen, doch der Krieg geht weiter, mithin der perfekte Abschluss der Terminator-Reihe. Weiterer Fortsetzungen bedurfte es danach eigentlich nicht mehr.

Darstellerisch wird hier Einiges geboten. Christian Bale spielt den verbissenen Krieger recht überzeugend, Sam Worthington gibt in der undurchsichtigen Figur des Marcus Wright eine starke Vorstellung und auch der junge Anton Yelchin weiß als Kyle Reece zu gefallen. Als Bonus gibt's noch Helena Bonham Carter und den stets tollen Michael Ironside in Nebenrollen und Moon Bloodgood (was für ein Name!) als attraktiven Blickfang. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle, dass dies der letzte Film des Maskenbildners und Special-Effects-Meisters Stan Winston ist, der die Filmwelt über Jahrzehnte mit seiner großartigen Arbeit bereichert hat. Leider verstarb er während der Dreharbeiten, was die Produzenten dazu veranlassten, ihm den Film zu widmen.


Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum Terminator Salvation bei Filmfreunden einen derart schweren Stand hat. Aus meiner Sicht ist dies eine in allen Belangen gelungene Terminator-Fortsetzung, auch wenn sie genauso wenig an die Klasse des Originals herankommt wie die Teile 2 und 3. Als ich jenes Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal sah, hatte ich eine bestimmte Vorstellung davon, wie eine durch einen Atomkrieg verwüstete Welt, in der die Maschinen herrschen, aussehen würde, nicht zuletzt natürlich beeinflusst von den kurzen Filmsequenzen, die in der Zukunft spielen. Terminator Salvation ist es gelungen, das Versprechen, das The Terminator diesbezüglich gegeben hat, einzulösen. Und das ist aus meiner Sicht das größte Kompliment, das man dem Film machen kann.

Mittwoch, 21. Oktober 2015

TERMINATOR 3: RISE OF THE MACHINES (Jonathan Mostow, 2003)

Just die, you bitch!

Terminator 3 unterscheidet sich stilistisch kaum von seinem Vorgänger. Auch hier setzten die Macher auf familientaugliche Unterhaltung und so dominieren wieder atemberaubende Actionszenen und dümmlicher Humor das Geschehen. Ein großer Pluspunkt ist die Tatsache, dass John Connor nunmehr erwachsen ist - auch wenn aus ihm ein ziemlicher Waschlappen geworden ist, der orientierungslos durchs Leben irrt, was in Anbetracht der Ereignisse in seiner Jugend aus meiner Sicht sogar schlüssig erscheint. Man muss sich jedenfalls nicht mit pubertierenden Jugendlichen herumschlagen - ein unbestreitbarer Pluspunkt im direkten Vergleich mit dem Vorgänger. Die Story hingegen ist noch belangloser als die des 2. Teils und zudem redundant. Bereits zum dritten Mal erlebt der Zuschauer, wie ein Terminator auf eine Zeitreise in die Vergangenheit geschickt wird, um dort irgendwen zu terminieren. Und auch dieses Mal wird ein Gegenpart hinterhergeschickt, der ihn aufhalten soll. Einfallsloser geht's nicht mehr. Das Ergebnis ist eine knapp zweistündige Verfolgungsjagd, die nur wenig Zeit zum Verschnaufen lässt. 

Über die narrativen Defizite tröstet immerhin die Tatsache hinweg, dass der Meuchelmörder noch nie so gut aussah wie hier: Kristanna Loken verkörpert die Killermaschine mit raubtierhafter Eleganz und aufreizendem Schmollmund - da stirbt es sich gleich viel leichter. Und mit der zwar spröden, ansonsten aber doch recht ansprechenden Claire Danes gibt es gleich noch mehr Augenfreuden für die männlichen Zuschauer. Auch darüber hinaus glänzt Terminator 3 vor allem mit seinen Schauwerten. Die Actionszenen sind großartig inszeniert, wobei hier insbesondere die ausgedehnte Verfolgungsjagd mit dem Kranwagen herausragt, bei der ein kompletter Straßenzug zerlegt wird. Das durchgehend hohe Tempo sorgt dafür, dass man nicht lange über die Kapriolen nachdenkt, die die Story bisweilen schlägt. Die Krönung ist Arnies Beichte, dass er in der Zukunft John Connor töten wird. Und auch sein Kampf mit sich selbst, als Skynet versucht, die Kontrolle über ihn zu erlangen, ist nicht nur unlogisch, sondern von Arnie auch ziemlich schwach gespielt. Das Ende hingegen ist gut gelungen und macht Lust auf mehr. 

Terminator 3 ist in meinen Augen keinen Deut schlechter als der zweite Teil, auch wenn dies 98 % der Filmfreunde anders sehen. An den ersten Teil kommen beide natürlich nicht heran, aber wenn man zwei Stunden lang erstklassige Action sehen will, liegt man hier richtig.

Sonntag, 18. Oktober 2015

TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY (James Cameron, 1991)

Hasta la vista, baby!

Beim zweiten Teil wählte Cameron einen völlig anderen Ansatz als beim Vorgänger. Setzte jener auf Spannung und Atmosphäre, geht es hier mehr um Krawall, Action und flachen Humor. Die düstere Grundstimmung ist gewichen zugunsten einer deutlich freundlicheren Szenerie. Statt nächtlich-urbaner Landschaften gibt es vorwiegend helle, sonnendurchflutete Bilder. Mit der inneren Logik ist es im Übrigen nicht weit her: vermied es der Vorgänger, die quasi vorbestimmte Handlung in wesentlichen Punkten zu ändern, wird es hier spätestens dann wenn Sarah und ihre Begleiter Dyson überzeugen, seine Forschungsergebnisse zu zerstören, paradox. Die Zukunft wird verändert, was im Grunde genommen im Kontext der Zeitreise ja gar nicht möglich ist. Und auch Arnie ist bekehrt und hat sich vom kaltblütigen Killer zu einer willfährigen Maschine gewandelt, die den Befehlen eines vorlauten, pubertierenden Bengels gehorcht. Wenn der sagt, man dürfe andere Menschen nicht töten, dann schießt man sie eben ins Knie statt in den Kopf.

Trotz dieser eigentlich ungünstigen Ausgangslage ist T2 ein herausragender Film geworden, der allerdings die Klasse seines Vorgängers nicht erreicht. Die CGI waren damals revolutionär, was sich auch in den üppigen Produktionskosten von 100 Millionen Dollar niederschlug. Dies machte ihn zum bis dahin teuersten Film der Geschichte. Die Actionszenen sind dann auch herausragend und die Morphing-Effekte sehen auch heute noch ganz gut aus. Robert Patrick gibt als technisch weiter entwickelter T-1000 einen herrlich fiesen Gegenspieler, auch wenn seine Mimik für eine Maschine vielleicht eine Spur zu ausgeprägt ist.

Die mit Abstand imposanteste Szene ist jedoch Sarahs Traum/Vision vom Judgment Day. Diese Szene ist ein audiovisueller Hochgenuss und drückte mich wieder einmal in den Sessel, obwohl ich sie schon zigmal gesehen habe. Die Umsetzung ist schlichtweg phantastisch. Da stört es auch nicht, dass man in der Full-HD-Auflösung deutlich die Miniaturen erkennt, die hier verwendet wurden. Weniger erbaulich sind die neunmalklugen Sprüche des jungen John Connor, insbesondere wenn er mit dem Terminator alleine ist. T2 ist folglich deutlich familientauglicher als sein weitaus düsterer Vorgänger. Toll hingegen Linda Hamilton, die ihren Körper für die Dreharbeiten in atemberaubende Form gebracht hat und die Amazone sehr glaubwürdig verkörpert. Und auch Brad Fiedels Score ist wieder sehr gelungen und führt das Ursprungsthema gekonnt fort.

Unter dem Strich ist Terminator 2 eine gelungene Fortsetzung, die trotz einiger Schwächen ausgesprochen gut zu unterhalten weiß. Ich bevorzuge übrigens nach wie vor die Kinofassung, da die zusätzlichen Szenen der Langfassung keinen Mehrwert bieten.

Dienstag, 13. Oktober 2015

THE TERMINATOR (James Cameron, 1984)

Come with me if you wanna live!

Angesichts der bevorstehenden Veröffentlichung des fünften Teils der Terminator-Reihe habe ich mich entschieden, die bisherigen Teile einer erneuten Sichtung zu unterziehen, zumal ich die beiden ersten schon mehr als 10 Jahre lang nicht mehr gesehen habe.

Im Jahr 1984 überraschte der Kanadier James Cameron die Filmwelt mit einem Werk, das sich innerhalb kürzester Zeit zum Kultfilm entwickeln sollte und für Schwarzenegger zugleich den endgültigen Aufstieg zum Superstar bedeutete. Die Angst vor einem Atomkrieg war damals allgegenwärtig. Das Wettrüsten der Atommächte USA und UDSSR ging seinem Höhepunkt entgegen. Camerons Vision von einem durch Computer ausgelösten nuklearen Krieg griff diese Ängste auf und traf also voll den Zeitgeist.

Schon die Eröffnungsszene, in der ein Gabelstapler von unten dabei gefilmt wird, wie er eine Palette anhebt, macht die Bedrohung klar, die von den Maschinen ausgeht, auch wenn es sich dabei um eine ganz alltägliche und völlig banale Situation handelt. Viel mehr als seine Nachfolger lebt The Terminator in erster Linie von seiner Spannung und der düsteren Atmosphäre. Der Zuschauer wird lange im Unklaren darüber gelassen, worum es genau geht. Zwar gibt es auch einige Actionszenen – insbesondere gegen Ende – doch überwiegen lange Zeit die Thriller-Elemente. Zur Spannung trägt auch der simple aber äußerst effektvolle Score von Brad Fiedel bei, der sein Grundthema immer wieder geschickt variiert.

Die Effekte wirken naturgemäß zum Teil etwas altbacken, sehen jedoch im CGI-Zeitalter erfreulich bodenständig aus. Hier wurde alles noch handgemacht, mit Miniaturen, Puppen und Make-up, wobei man schon sagen muss, dass insbesondere die Arnie-Puppe in der Szene, in der der Terminator sich selbst operiert, nicht sonderlich gelungen ist. Das stört aber nicht weiter, sondern hat in Kombination mit dem 80er-Jahre-Flair durchaus seinen Reiz.

The Terminator bildet die perfekte Symbiose aus Thriller, Action und Roadmovie, eingebettet in eine ebenso originelle wie düstere Zukunftsvision, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gar nicht so weit hergeholt erschien. Und im Gegensatz zu seinen Nachfolgern ist er auch inhaltlich jederzeit schlüssig, denn der Lauf der Dinge wird im Verlauf der Handlung nicht verändert. Akzeptiert man die Möglichkeit einer Zeitreise, fallen zumindest keine groben logischen Fehler auf. In jedem Fall ist The Terminator ein Meilenstein des actionorientierten Science-Fiction-Kinos, der auch heute noch uneingeschränkt zu begeistern weiß und das Genre nachhaltig geprägt hat.

Dienstag, 29. September 2015

UNDERWORLD: AWAKENING (Måns Mårlind and Björn Stein, 2012)

Nach dem schwachen Rise of the Lycans hatte ich wenig Lust, mir den bisher letzten Teil der Reihe überhaupt anzusehen. Meine Erwartungen waren sehr niedrig, zumal die Geschichte mit dem zweiten Teil eigentlich abgeschlossen war und keiner Fortsetzung bedurft hätte. Umso erfreulicher, dass das schwedische Regie-Duo an die Qualitäten der beiden ersten Teile anknüpfen kann. Dies gilt allerdings nicht für die hanebüchene Story, denn die hat weder Hand noch Fuß. Das stört aber gar nicht, denn Awakening lässt sich ohnehin am besten genießen, wenn man das Hirn auf Standby schaltet. Dann fallen auch die zahlreichen Ungereimtheiten nicht ins Gewicht, an denen sich der mitdenkende Zuschauer stören könnte.

In Sachen Inszenierung nähert man sich hier den letzten Resident-Evil-Streifen an, will heißen, man wähnt sich eher in einem Computerspiel als in einem Spielfilm. Neben einigen coolen Sprüchen gibt es vor allem eines: Action bis zum Abwinken. 80 Minuten lang gibt es praktisch keine Verschnaufpause. Die Charaktere hangeln sich von einem Actionset zum nächsten. Bei dem wahnwitzigen Tempo, das hier vorgelegt wird, stören auch die zum Teil erschreckend schwachen CGI nicht groß. Insbesondere die nächtliche Verfolgungsjagd zu Beginn, wo die degenerierten Lycaner Selene und ihre Tochter jagen, sieht bescheiden aus.
Kate Beckinsale hat durch ihr fortgeschrittenes Alter erkennbar an Format gewonnen und ist nicht nur sexy wie nie, sondern hat auch deutlich mehr Charisma als in den beiden ersten Teilen. Angetrieben durch den einmal mehr sehr dynamischen Score Paul Haslingers ergibt sich eine äußerst unterhaltsame Mischung und die Actionsequenzen sind immerhin so abwechslungsreich, dass sich nicht das Gefühl der Redundanz einstellt. Insgesamt eine runde Sache.

Sonntag, 27. September 2015

UNDERWORLD: RISE OF THE LYCANS (Patrick Tatopoulos, 2009)

Nach den beiden gelungenen ersten Teilen ist Rise of the Lycans eine echte Enttäuschung. Bekanntlich handelt es sich um ein Prequel zum ersten Teil. Im Zentrum steht eine romantische Beziehung zwischen dem Werwolf Lucian und der Vampirin Sonja, die sich für kein Klischee zu schade ist. Die Geschichte selbst ist so alt wie die Menschheit und wurde schon tausend mal zuvor erzählt: zwei Liebende können nicht zusammenfinden, sei es aufgrund gesellschaftlicher Konventionen, verfeindeter Clans/Stämme/Familien oder was auch immer.  Nichts Neues also, zumal man die Geschichte auch in diesem besonderen Fall schon kennt, da sie als Rückblende in den ersten Film integriert ist. Man weiß also auch, dass es kein Happy End gibt und dass am Ende Sonjas Verbrennung durch die Sonne steht. Spannung kann so zu keinem Zeitpunkt aufkommen und so plätschert das Geschehen belanglos vor sich hin. Und auch über die Beziehung zwischen Wölfen und Vampiren erfährt man wenig Neues. Hinzu kommen schwach inszenierte und viel zu hektisch geschnittene Kämpfe, die dafür aber sehr blutig ausgefallen sind. Spätestens bei den ersten CGI-Blutfontänen merkt man, dass Patrick Tatopoulos eigentlich aus dem Special-Effects-Lager kommt.

Auch darstellerisch ist das alles wenig erbaulich, allenfalls der charismatische Michael Sheen weiß in der Rolle des Lucian zu überzeugen. Rhona Mitra sieht zwar besser aus als Kate Beckinsale, hat aber noch weniger Ausstrahlung als jene und Bill Nighy bietet eine richtig schwache Vorstellung. Erstaunlich auch, dass Rise of the Lycans deutlich kürzer ist als die beiden Vorgänger, sich aber anfühlt als sei er so lang wie beide zusammen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Teil 3 ist ein totaler Reinfall, bringt die Geschichte nicht weiter und ist von vorne bis hinten überflüssig. Bezeichnend auch, dass er bis heute die einzige Regiearbeit des Special-Effects-Spezialisten Patrick Tatopoulos ist. Schuster, bleib' bei deinem Leisten!

Freitag, 25. September 2015

UNDERWORLD: EVOLUTION (Len Wiseman, 2006)

Der zweite Teil der Vampirsaga setzt unmittelbar nach dem ersten Teil ein und bedient sich des bei Fortsetzungen so beliebten "Schneller, höher, weiter"-Prinzips. War im Vorgänger Victor der älteste und stärkste Vampir und Lucian sein lange totgeglaubter mächtiger Widersacher, kommt jetzt mit Marcus ein noch älterer Vampir mit noch mehr Macht ins Spiel und mit William ein Werwolf-Anführer, der noch böser und wilder ist. Wobei ich die Idee, dass er seit Jahrhunderten in einem geheimen Gefängnis eingesperrt ist, dessen Standort niemand kennt, schon ziemlich cool fand. Und während man sich zuvor mit dem letzten menschlichen Nachfahren von Corvinus zufrieden gab, wird hier gar der alte Alexander Corvinus selbst (sehr charismatisch: Derek Jacobi) aus der Versenkung geholt, der als Chef einer geheim operierenden menschlichen Kommando-Einheit die zurückgebliebenen Spuren der Kämpfe beseitigt, um die Existenz der von seinen Söhnen hervorgebrachten Halbwesen vor den Menschen geheim zu halten.

Was zunächst wie ein billiger Taschenspielertrick wirkt, ist der Atmosphäre enorm zuträglich. Zudem werden wieder diverse äußerst stimmungsvolle Sets aufgeboten wie der Kerker des verbannten Geschichtsschreibers oder die Felsenhöhle, in der William gefangen gehalten wird. Ansonsten bleibt alles beim Alten. Das Geschehen ist wiederum sehr actionlastig, die Atmosphäre düster, die Inszenierung sehr stylisch und irgendwie auch souveräner als beim Vorgänger. Die Kampfszenen sind sehr abwechslungsreich und ausgesprochen unterhaltsam. Paul Haslinger sorgt wieder für die passende musikalische Untermalung. In jedem Fall ist es gelungen, die Story auf interessante Art und Weise fortzuführen und einen Film zu drehen, der den Geist seines Vorgängers atmet und diesem praktisch ebenbürtig ist. Viel mehr kann man von einer Fortsetzung eigentlich nicht erwarten. Bin schon gespannt, was Teil 3 zu bieten hat.

Donnerstag, 24. September 2015

UNDERWORLD (EC - Len Wiseman, 2003)

Nachdem ich bei Sichtung der Resident-Evil-Reihe Gefallen an Actionfilmen mit weiblicher Heldenfigur gefunden habe, bietet sich die Underworld-Reihe zur Vertiefung geradezu an. Auch hier habe ich den ersten Teil seinerzeit nach Erscheinen der DVD gesehen, ohne nennenswerte Erinnerungen daran zu haben. Andersons Zombiefilme haben zweifellos die deutlich attraktivere Hauptdarstellerin zu bieten, auch wenn Kate Beckinsale ganz nett anzuschauen ist. Mit Milla Jovovich kann sie optisch natürlich nicht mithalten. Dieses Manko wird aber dadurch wettgemacht, dass Underworld eine bessere Story zu bieten hat. Die Idee eines jahrhundertelang währenden Kampfes zwischen Vampiren und Werwölfen außerhalb der menschlichen Wahrnehmung ist durchaus originell und birgt Einiges an Potential, zumal bei der Umsetzung einige der für gewöhnlich geltenden, genretypischen Regeln über Bord geworfen wurden. Die Gegner bekämpfen sich nicht nur mit Krallen und Zähnen, sondern auch mit modernen Waffen, wobei natürlich keine herkömmliche Munition verwendet wird. Deren Wirkung wäre bei dem jeweiligen Gegner nicht effektiv, sodass stattdessen auf Silberkugeln und UV-Licht zurückgegriffen wird.

Auch verspüren die Vampire sehr weltliche Bedürfnisse, sie rauchen, haben Sex und sehnen sich nach Liebe. Um in der Welt der Menschen nicht aufzufallen und irgendwie auch aus moralischen Gründen ernähren sie sich von Blutkonserven anstelle von frischem Blut. Dies alles verleiht Underworld eine fast schon säkulare Atmosphäre, die sich von der anderer Vampir- und Werwolf-Filmen deutlich unterscheidet. Klassische Elemente des Horrorfilms gibt es eigentlich gar nicht, auch wenn die Atmosphäre insgesamt recht düster ist. Underworld ist ein reinrassiger Actionfilm, dessen Protagonisten eben keine Menschen sondern übernatürliche Wesen sind. Untermalt wird das Geschehen von einem guten Score, für den Paul Haslinger verantwortlich zeichnet. Die Regie ist nicht immer auf der Höhe des Geschehens, und man merkt Wiseman die fehlende Erfahrung an, doch die interessante Story und die guten Darsteller tun das ihrige und machen Underworld zu einem äußerst kurzweiligen Vergnügen. Ein viel versprechender Auftakt der Reihe.

Mittwoch, 23. September 2015

FACK JU GÖHTE 2 (Bora Dagtekin, 2015)

Ich schwöre, du bist so Arzt.

Der Kinobesuch erfolgt nicht aus freien Stücken, sondern meiner Tochter zuliebe. Wie schon der erste Teil, über dessen Sichtung ich seinerzeit vergessen habe, einen Eintrag in meinem alten Filmtagebuch zu verfassen, hat auch der Nachfolger keine sinnvolle Handlung aufzuweisen, sondern besteht aus einer Aneinanderreihung mehr oder weniger witziger Szenen, die durch ein dünnes narratives Konstrukt mehr schlecht als recht zusammen gehalten werden. Dabei setzt man wieder auf das bewährte Rezept, eine Mischung aus Situationskomik, Klamauk und exzessivem Einsatz der Gossensprache bzw. der aktuellen Jugendsprache, die auf Präpositionen meist verzichtet und auch darüber hinaus die Regeln der deutschen Grammatik weitgehend ignoriert. Zwar ist dies bisweilen naturgemäß etwas überzeichnet, doch wirkt das überwiegend authentisch. Die deutsche Jugend redet tatsächlich so, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Das alles ist recht kurzweilig, über weite Strecken unterhaltsam und zum Teil sogar richtig witzig. 

Zu loben sind in diesem Zusammenhang unbedingt die guten Darsteller, die sich allesamt mächtig ins Zeug legen. Zudem hat der Film sein Herz am rechten Fleck, denn bei all den Kraftausdrücken und aller politischen Inkorrektheit wird er nie richtig böse und lässt eine grundsätzliche Sympathie für all seine Charaktere erkennen. Freunden der anspruchsvollen Unterhaltung dreht sich hier der Magen um, doch wer sich für seichten, aber treffsicheren Humor begeistern kann, kommt hier sicher auf seine Kosten. Ich fand's unterhaltsam.


Samstag, 12. September 2015

RESIDENT EVIL: RETRIBUTION (Paul W.S. Anderson, 2012)

I've heard that before.

Nach dem schwächelnden Apocalypse zeigt die Formkurve bei Retribution wieder leicht nach oben. Anderson verzichtet auch auf die letzten Rudimente einer Handlung und haut dem Zuschauer eine 90-minütige Actionplatte um die Ohren, die ihn kaum Luft holen lässt. Witzigerweise bewegen sich die Charaktere die meiste Zeit über durch simulierte Szenarien, die vom Zentralcomputer unter der Herrschaft der Red Queen mit feindlichem Leben bevölkert werden. Damit ist der Übergang zum Videospiel vollendet. Die verbliebenen Story-Elemente schlagen wilde Kapriolen und verkaufen dem Zuschauer die bisher in der Reihe vorkommenden Hauptcharaktere allesamt als Klone, die immer wieder in verschiedenen Funktionen und Rollen von der Red Queen eingesetzt werden. Ein wenig deutete sich dies mit der multiplen Alice ja schon im Vorgänger an.

Ein angenehmer Nebeneffekt dieser unsinnigen Idee ist, dass sämtliche attraktive Frauen, die die Filmreihe bisher optisch bereichert haben, als Klone wieder dabei sind, Michelle Rodriguez sogar gleichzeitig in zwei verschiedenen Rollen. Noch dazu gibt es als Bonus die ebenfalls sehr ansehnliche Chinesin Li Bingbing. Für das Auge des männlichen Zuschauers wird also Einiges geboten. Doch auch die Actionszenen können größtenteils überzeugen. Zwar gibt es wieder massig Zeitlupen, doch wird dieses Stilmittel nicht ganz so penetrant eingesetzt wie im Vorgänger. Und auch die Scharfrichter-Mutationen sind wieder am Start, dieses Mal sogar in doppelter Ausführung.

Als etwas irritierend habe ich die sehr lange Einleitung empfunden, die in nicht notwendiger Ausführlichkeit die bisherigen Ereignisse schildert. Eine Zusammenfassung gab es bei den drei Vorgängern auch, damit Zuschauer, die die Reihe nicht von Anfang gesehen haben, wissen worum es geht. In keinem der vorherigen Filme wies die Zusammenfassung jedoch diesen Detailgrad auf. Fast könnte man meinen, Anderson habe damit den Film auf die nötige Spielzeit strecken wollen. Wie auch immer – unter dem Strich ist Retribution eine unterhaltsame und kurzweilige, allerdings auch völlig sinnfreie Angelegenheit geworden, die nicht zuletzt vom guten und sehr atmosphärischen Score des Komponistenduos Tomandandy profitiert. Den Höhepunkt hatte die Reihe mit Extinction bereits fünf Jahre zuvor gesehen.


RESIDENT EVIL: AFTERLIFE (Paul W.S. Anderson, 2010)

I am not on the menu.

Das Erste, was auffällt ist: Alice war beim Friseur. Durchaus erstaunlich unter solchen Umständen und in einer postapokalyptischen Welt. Aber gut, über Realismus müssen wir bei dieser Filmreihe eh nicht sprechen...

Nach drei stilistisch sehr unterschiedlichen, auf ihre Art aber immer überzeugenden Teilen, markiert Afterlife in mehrerer Hinsicht eine Zäsur. Dies hat maßgeblich mit der Rückkehr Andersons auf den Regiestuhl zu tun. Hatte man sich bei den beiden Vorgängern doch recht deutlich von der Computerspiel-Atmosphäre des ersten Teils entfernt, kommt man dem hier wieder sehr nahe. Schon relativ früh wird sichtbar, dass eine Spielereihe der Ideengeber ist. Das alleine ist ja kein Makel, doch auch was die Story angeht, wandelt Anderson auf Abwegen. Die Entwicklung der Handlung der ersten drei Teile war, wenn auch nicht frei von Logikfehlern und sicher alles andere als eine narrative Höchstleistung, so aber doch relativ schlüssig und einigermaßen gut nachzuvollziehen. Dies mündet bei Afterlife in eine Ansammlung mehr oder weniger zusammenhängender Szenen – von einer Story will ich da gar nicht mehr reden. Die Actionszenen sind zahlreich und zudem sehr ausgedehnt und – das kann man Anderson nicht absprechen – überwiegend gut gemacht. Was allerdings extrem nervt, ist der exzessive Einsatz von Zeitlupen und hier vor allem der Bullet Time, die ihre Hochphase bei Erscheinen des Films eigentlich schon lange hinter sich hatte. Ist sicher irgendwo Geschmackssache, aber Zeitlupen in Filmen sind mir ein Gräuel. Und bei Afterlife gibt es davon so viele, dass sie mir die Freude an den eigentlich sehr guten Actionszenen komplett vermasselt haben. Richtig cool hingegen fand ich die riesige Mutation mit der Henkerskapuze und dem Beil. Dies kann aber auch nicht mehr verhindern, dass es sich bei Teil 4 um den bisher schwächsten Teil der Reihe handelt. Vor allem vermittelt er zum ersten Mal das Gefühl der Redundanz, den Eindruck, alles schon mal gesehen zu haben.

Montag, 7. September 2015

RESIDENT EVIL: EXTINCTION (Russell Mulcahy, 2007)

People have a habit of dying around me.

Für den dritten Teil der Reihe nahm Russell Mulcahy auf dem Regiestuhl Platz. Obwohl der Mann schon mehr als 30 Jahre im Geschäft ist, hat er nur eine Arbeit von Format vorzuweisen, und zwar Highlander. Darüber hinaus hat er nichts Namhaftes zustande gebracht, wobei ich immerhin noch den müden Se7en-Abklatsch Resurrection übrigens auch mit Christopher Lambert kenne. Umso überraschender, dass Extinction das bisherige Highlight der Serie ist, wobei dies möglicherweise auch auf meine Vorliebe für Endzeitfilme zurückzuführen ist. Denn um einen solchen handelt es sich hier, während in den beiden Vorgängern die Zivilisation ja noch weitgehend intakt war. Das an Mad Max erinnernde Szenario bietet faszinierende Bilder einer postapokalyptischen Erde und begleitet eine Gruppe von Menschen auf der Flucht vor den Zombies durch die USA. Dies verleiht dem Film einen Roadmovie-Charakter, der mit klassischen Westernelementen durchsetzt ist. Zudem nimmt man Anleihen bei zahlreichen Klassikern der Filmgeschichte. Der Härtegrad wurde im Vergleich mit den beiden Vorgängern deutlich nach oben geschraubt und mit der toughen Ali Larter und der etwas zarteren Spencer Locke gibt es gleich zwei attraktive Damen zu bewundern. Milla Jovovich übertrifft sich hier selbst und begeistert mit extrem scharfen Outfits und coolen Sprüchen, abgesehen davon, dass sie inzwischen dank weiterer Modifikationen über wahre Superkräfte verfügt. Mehr denn je ist sie die zentrale Figur, der Fixpunkt, um den sich alles dreht.

Leider ist es mit der Logik auch hier nicht weit her. Man fragt sich irgendwann, warum die Menschen in den Kampfszenen den Zombies so oft in die Brust oder andere Körperteile schießen, obwohl sie mit ihrer jahrelangen Erfahrung doch wissen müssten, dass nur ein Kopfschuss ein adäquates Mittel ist, die Biester auszuschalten. Selbst die kampferprobte Alice schießt nicht immer auf den Kopf. Aber egal. Resident Evil: Extinction ist in jedem Fall der visuell beeindruckendste Beitrag der Reihe und bietet über die gesamte Spieldauer beste Unterhaltung. Und die Zombiekrähen sind wirklich cool. Positiv hervorzuheben ist auch der wuchtige Score des früheren Nine-Inch-Nail-Musikers Charlie Clouser, der die dynamisch inszenierten Actionszenen trefflich untermalt.

Das für mich Erstaunlichste an der Filmreihe ist bisher die Tatsache, dass drei völlig unterschiedliche Filme entstanden sind, die alle ihre besonderen Momente haben und Redundanzen weitgehend ausgespart wurden. Das hatte ich im Vorfeld nicht erwartet, sondern eher darauf getippt, dass den Machern spätestens nach dem zweiten Film die innovativen Ideen ausgehen würden. Doch ist dem glücklicherweise nicht so. Und so bin ich wirklich gespannt, was mich bei den beiden folgenden Filmen erwartet.




Sonntag, 6. September 2015

RESIDENT EVIL: APOCALYPSE (Alexander Witt, 2004)

Who the fuck are you?

Teil 2 wurde von Alexander Witt inszeniert und markiert dessen erste und bisher einzige Regie-Arbeit. Dennoch verfügt Witt über eine Menge Erfahrung, nachdem er jahrelang als Second-Unit-Director für namhafte Regisseure gearbeitet hat. Im Vergleich zum Vorgänger wirkt Apocalypse weniger wie die Umsetzung eines Videospiels, sondern "filmischer". Dazu trägt nicht unerheblich der weniger limitierte Handlungsort Raccoon City bei, wo die Protagonisten sich relativ frei bewegen können und man nicht ständig das Gefühl hat, sie würden versuchen, von einem Level zum nächsten zu kommen. Eine Ausnahme bildet der Kampf zwischen Alice und der Nemesis-Kreatur, die eine Art Endgegner darstellt. Ansonsten bedient man sich ausführlich bei den großen Romero-Vorbildern, allen voran Night of the living Dead und Dawn of the Dead. Auch sind die Bilder drastischer als beim stellenweise etwas blutarmen Vorgänger, wobei sich der Gore-Faktor immer noch stark in Grenzen hält. Auch die Logik bleibt recht früh auf der Strecke. Es ist schlicht nicht glaubwürdig, dass es eine Armee von professionellen Sicherheitskräften nicht schaffen soll, mit einer Horde Zombies fertig zu werden, sodass als letzte Lösung nur der Abwurf einer Atombombe bleibt.

Aber sei's drum! Wenn man intelligente Unterhaltung sehen will, ist die Resident-Evil-Reihe wahrscheinlich das Letzte, was man sich anschaut. Schon der erste Teil bot Popcorn-Kino in Reinkultur, und Teil 2 steht ihm in nichts nach. Im Gegenteil: die Anzahl der Actionszenen wurde stark erhöht, der Schnitt ist noch hektischer, gesprochen wird ohnehin überwiegend dummes Zeug und Milla Jovovich sieht wieder toll aus. Als zusätzlichen Schauwert hat man ihr dieses Mal Sienna Guillory an die Seite gestellt, die optisch zwar nicht mit Michelle Rodriguez mithalten kann, aber trotzdem nett anzusehen ist. Für Auflockerung sorgen ein paar witzige Ideen wie beispielsweise der Pfarrer, der seine zum Zombie mutierte Schwester an einen Stuhl gefesselt hat und sie mit Leichenteilen füttert und Tom Gerhardt als Zombie. Apocalypse kann an die Qualität des ersten Teils durchaus heranreichen und wirkt dabei auch nicht redundant oder gar wie ein müder Abklatsch. Gute Unterhaltung bietet er allemal.


Samstag, 5. September 2015

RESIDENT EVIL (Paul W.S. Anderson, 2002)

When I get outta here, I think I'm gonna get laid. 

Andersons Umsetzung des Playstation-Klassikers, den ich seinerzeit ausgiebig gespielt habe, ist mir in nicht allzu guter Erinnerung. Die Sichtung liegt mindestens zwölf Jahre zurück - irgendwann nach Erscheinen der DVD. Zwar kann ich mich nicht mehr an Details erinnern, ich bin aber sicher, dass mein damaliges Fazit nicht allzu positiv ausgefallen ist, da ich ansonsten sicherlich einen der Nachfolger geschaut hätte. Aufzeichnungen über die Sichtung habe ich auch keine, da ich erst 2004 begonnen habe, ein Filmtagebuch zu führen. Beste Voraussetzungen also für einen unvoreingenommenen Neustart der inzwischen auf fünf Teile angewachsenen Filmreihe. Dabei räume ich auch gleich ein, dass ein ganz wesentlicher Grund für die jetzige Sichtung der Reihe Milla Jovovich ist, die ich seit jeher extrem scharf finde, auch wenn ihre darstellerischen Fähigkeiten arg begrenzt sind. Aber was macht das schon bei diesen Augen?

Wie schon bei dem kürzlich gesichteten Death Race ist es auch hier Anderson gut gelungen, das Gefühl zu reproduzieren, ein Videospiel zu spielen. Die Handlung besteht vor allem aus Reaktionen der Charaktere auf das was um sie herum passiert. Die verschiedenen Sektoren und Flure des Hive ähneln in Aufbau und Gestaltung den Leveln eines Computerspiels. Und auch die Verteidigungsmechanismen der Red Queen passen dazu, wobei es sich dabei ja tatsächlich um die Schutzfunktionen einer künstlichen Intelligenz handelt. Die diversen Anspielungen auf Alice in Wonderland fand ich übrigens ganz witzig, wobei man den Namen der Protagonistin erst im Abspann erfährt.

Anderson punktet vor allem mit einer geradlinigen Inszenierung und hoher Dynamik. Der Schnitt in den Kampfszenen ist teils etwas hektisch, vermutlich um ein PG13-Rating zu bekommen, wobei generell zu sagen ist, dass die Optik für meinen Geschmack etwas zu sehr auf Hochglanz poliert ist. Dies stört aber nicht großartig, da die Zombiehatz äußerst kurzweilig und unterhaltsam ausgefallen ist, und spannend dazu. Und als Bonus gibt es mit Michelle Rodriguez auch noch meine zweitliebste Latina (nach Salma Hayek) zu sehen, die in erster Linie mit coolen Sprüchen auffällt. Ein gelungener Einstand, der Lust macht auf mehr.

Montag, 31. August 2015

AUTÓMATA (Gabe Ibáñez, 2014)

Boss is a human thought structure.

Ort der Handlung ist eine postapokalyptische Erde, die durch gewaltige Sonnenstürme im wahrsten Sinne des Wortes verwüstet wurde. Dabei wurden mehr als 99 % der Weltbevölkerung vernichtet. Die Überlebenden versuchen mit Hilfe von Robotern den widrigen Verhältnissen durch Schutzwälle zu trotzen und das Voranschreiten der Wüste mit künstlichen Wolken aufzuhalten. Um die Menschen vor den Robotern zu schützen, wurden diesen zwei Sicherheitsprotokolle programmiert: sie dürfen weder Menschen schädigen noch sich selbst oder andere Roboter verändern. Eines Tages zerstört ein Polizist auf Streife einen Droiden mit seiner Dienstwaffe, weil dieser sich angeblich selbst repariert haben soll. Der Versicherungsermittler Jacq Vaucan, der für die Firma ROC arbeitet, die die Roboter herstellt, soll den Vorfall untersuchen.

Autómata ist einer von mehreren aktuellen Beiträgen zum Thema "künstliche Intelligenz" bzw. der Frage, inwieweit eine solche in der Lage ist, ein Bewusstsein zu entwickeln. Es handelt sich um die zweite Regiearbeit des Spaniers Gabe Ibáñez, wobei ich sein Debüt Hierro nicht kenne. In der Hauptrolle ist Antonio Banderas zu sehen, mit ungewohnt kahlem Schädel. Die toll gemachte Eröffnungsszene zitiert gleich mal den übermächtigen Blade Runner, wobei es wahrscheinlich kaum einen Film über das Thema künstliche Intelligenz gibt, der keine Aspekte aus jenem aufgreift oder beinhaltet. Im weiteren Verlauf halten sich die Parallelen zu Scotts Meisterwerk allerdings stark in Grenzen, wobei die Rahmenhandlung schon eine gewisse Ähnlichkeit aufweist und auch die Idee des sauren Regens – sauer in dem Sinne, dass er gesundheitsschädigend ist – aufgreift. Dennoch: Autómata als Blade-Runner-Abklatsch zu bezeichnen, würde dem Film nicht gerecht, denn im Ergebnis ist ein doch recht eigenständiges Werk entstanden, das man durchaus als Bereicherung des Genres verstehen sollte. Zwar ist er nicht so faszinierend wie Ex Machina und nicht so lustig wie Chappie, doch weiß er eine interessante Geschichte in ausgeblichenen Bildern ansprechend in Szene zu setzen. Antonio Banderas müht sich redlich, kann jedoch nicht völlig überzeugen. Seine Leistung kann man allenfalls als solide bezeichnen. Weitaus besser schlagen sich Robert Forster und Dylan McDermott. Auch Melanie Griffith ist in einer kurzen Rolle zu sehen, wobei ich gestehen muss, dass ich sie nicht erkannt habe und erst durch den Abspann darauf hingewiesen wurde. Das Gleiche gilt für Tim McInnerny, den ich noch als Captain Darling aus der wunderbaren Black-Adder-Reihe kenne.

Obwohl es auch einige kleinere Actionszenen gibt, ist die Erzählweise sehr zurückhaltend und ruhig. Dialoge werden nur sparsam eingesetzt. Wer hier ein Science-Fiction-Feuerwerk erwartet, wird enttäuscht werden. Die Story ist größtenteils gut durchdacht, ist aber nicht immer in letzter Konsequenz logisch, ohne dass dies negativ ins Gewicht fällt. Zum Ende hin gehen die Pferde etwas mit Ibáñez durch, und ich befürchtete schon das Schlimmste, doch gelingt es ihm letztlich, das Ganze stimmig zu Ende zu bringen. Insgesamt ein gelungener Film, der einige interessante Fragen aufwirft, indem er die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz bis hin zur Schaffung eines Bewusstseins als natürlich Entwicklung, als eine Art Evolution betrachtet. Trotz einiger Schwächen absolut sehenswert.

Samstag, 29. August 2015

ONCE UPON A TIME IN MEXICO (Robert Rodriguez, 2003)

Once upon a Time in Mexico bildet den Abschluss der Mariachi-Trilogie und ist der mit Abstand schwächste der drei Teile. Ich weiß noch wie enttäuscht ich damals war, als ich aus dem Kino kam. Seither hatte ich den Film nicht mehr gesehen und ihm nun erstmals – vorwiegend aus Gründen der Vollständigkeit – eine zweite Chance gegeben. Und siehe da: ganz so schlimm ist er gar nicht, auch wenn er nicht an die Qualität der beiden Vorgänger heranreichen kann. Zwar setzt Rodriguez auch hier wieder auf das bewährte Konzept, dem Zuschauer möglichst viele Schauwerte zu bieten, doch im Gegensatz zu Desperado geht es hier nicht auf. Dessen Story war unlogisch aber simpel und somit zweckdienlich. Once upon a Time in Mexico hingegen verwirrt mit einer ziemlich verschachtelten Geschichte, in der verschiedene miteinander konkurrierende Parteien ihren Interessen nachgehen, ohne dass dies auch nur ansatzweise einen Sinn ergibt. Und dann gibt es noch ein paar völlig blöde Plottwists, die einem das Gefühl vermitteln, Rodriguez habe entweder das Skript erst während der Dreharbeiten fertiggestellt oder irgendwann selbst den Durchblick verloren. Der Mariachi befindet sich wieder auf einer Rachemission, aber erst nachdem er von einem zwielichtigen CIA-Agenten, der von Johnny Depp gespielt wird, dazu quasi überredet wird. Dies alleine ist schon schwer nachvollziehbar: General Marquez hat seine Frau und seine Tochter getötet, doch bedarf es eines Dritten, ihn zu dessen Eliminierung zu motivieren. Von dem zielstrebigen Rächer aus Desperado ist nicht mehr viel übrig geblieben. Der Protagonist wirkt eher wie ein müder Hund, der zum Jagen getragen werden muss. Das Heft des Handelns hält er zu keiner Zeit in der Hand, was auch an der Figur des CIA-Agenten Sands liegt, der – zumindest in meiner Wahrnehmung – das eigentliche Zentrum des Films bildet. Und da Johnny Depp zweifellos ein weitaus besserer Schauspieler ist als Antonio Banderas, verblasst Letzterer regelrecht und wirkt über weite Strecken eher wie eine Randfigur. Dies wird noch dadurch unterstützt, dass Rodriguez die völlig überladene Story um eine politische Komponente ergänzt, sodass die Figur des Mariachi zu einem reinen Spielball zwischen den gegeneinander stehenden Interessen der einzelnen Parteien verkommt. Hinzu kommt der teilweise erschreckend flache Humor ("Are you a Mexican or a Mexican't?"). Zwar gibt es wieder ein paar toll gemachte Actionszenen, doch ist die feine Balance des Vorgängers zwischen Spannung, Action und Humor aus den Fugen geraten. Und statt mexikanischem Rock von Tito & Tarantula gibt es belanglose Mucke von Robert Rodriguez selbst.

Once upon a Time in Mexico hat aller Schwächen zum Trotz aber auch seine starken Momente. So gibt Willem Dafoe einen überzeugenden Drogenboss, zudem gibt es in den Nebenrollen gute Darsteller wie Mickey Rourke oder Rubén Blades. Und da Salma Hayek aufgrund ihres Ablebens nur wenig Screentime erhalten hat, bietet Eva Mendes hinsichtlich der weiblichen Reize beinahe ebenbürtigen Ersatz. Die starke Darbietung von Johnny Depp habe ich ja oben schon erwähnt. Was die Action angeht, ist sicherlich die tolle Schießerei in der Kirche das Highlight des Films. So bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck. Während Desperado trotz seiner blödsinnigen Story wie aus einem Guss wirkt und ein stimmiges Gesamtpaket bietet, wirkt der dritte Teil wie eine wilde Ansammlung von Handlungselementen und einzelner Szenen, die nicht recht zueinander passen wollen. Den roten Faden sucht man die gesamte Spieldauer über ebenso vergeblich wie Rodriguez dies vermutlich bei den Dreharbeiten getan hat. Nett anzuschauen ist das Ganze über weite Strecken trotzdem.

Freitag, 28. August 2015

DESPERADO (Robert Rodriguez, 1995)

Let's play!

Die Fortsetzung von El Mariachi hat das 1000-fache gekostet, und das sieht man dem Film auch deutlich an, wobei sich die 7 Millionen Dollar im Vergleich zu anderen Filmen der Entstehungszeit immer noch recht bescheiden ausnehmen. Dennoch: insbesondere die Actionszenen sind deutlich aufwändiger und professioneller, aber auch unrealistischer als beim Vorgänger. Die Handlung wirkt konstruiert und ist in sich in keiner Weise schlüssig. Die Motivation des Mariachi, den Drogenboss Moco zu töten, ist schlichtweg nicht nachvollziehbar und wirkt derart bemüht, dass man sich fragt, warum sich Rodriguez überhaupt die Mühe gemacht hat, sie zu erklären. Bucho, der den Mariachi im ersten Teil verwundet und seine Freundin getötet hatte, arbeitete für Moco. Dies alleine dient dem Mariachi als Motiv für seine Rachemission, wobei Bucho in dieser Angelegenheit autark agiert hatte, und Moco noch nicht einmal Kenntnis von den Vorfällen hatte. Warum also ihn zur Verantwortung ziehen? Der Charakter des Mariachi ist somit auch ein völlig anderer als im ersten Teil, wo er als unschuldiger Gitarrenspieler ohne sein Zutun zwischen die Fronten geraten war, während er in Desperado zu einem kaltblütigen Killer mutiert ist. Welche Rolle dabei die von Steve Buscemi verkörperte namenlose Figur spielt, bleibt unklar. Doch ist es müßig, sich über den Inhalt tiefer gehende Gedanken zu machen, denn wie ich schon im Eintrag zu El Mariachi schrieb, ist Rodriguez ein Regisseur, der ausschließlich an Schauwerten interessiert ist. Bei Desperado tritt dies bereits deutlich zutage. War El Mariachi ein spannender, kleiner Actionfilm, ist Desperado ein groß aufgeblasener Comic, der sich einen Dreck um erzählerische Strukturen oder logische Zusammenhänge kümmert. Antonio Banderas ist die Rolle des kalten Rächers wie auf den Leib geschrieben, und mit Salma Hayek hat man ihm eine Gefährtin an die Seite gestellt, die eine ungeheure Sinnlichkeit und Erotik ausstrahlt. Für meine Begriffe sah sie nie besser aus als hier. Die beiden geben ein äußerst gut aussehendes Paar ab, und spätestens bei der heißen Bettszene merkt man, dass die Chemie zwischen den beiden stimmt. 

Ein weiteres stilprägendes Element ist die großartige Musik der mexikanischen Rockband Tito & Tarantula, deren Chef Tito Larriva auch eine kleine Rolle erhalten hat. Die Auftritte der Band in den beiden Rodriguez-Filmen Desperado und From Dusk till Dawn bedeuteten ihren internationalen Durchbruch und die Songs aus dieser Zeit sind bis heute ihre erfolgreichsten. Mit ihren stimmungsvollen Rocksongs tragen sie ganz entscheidend zum mexikanischen Flair der Filme bei.

Desperado ist trotz aller offensichtlichen Schwächen ein deutlich besserer Film als El Mariachi, und ich halte ihn bis heute für einen der besten von Rodriguez. Warum? Die leichtfüßige Inszenierung, die gekonnt mit den Stilmitteln der Komödie und des Actionfilms jongliert und sich nie zu ernst nimmt, die toll choreografierten Schießereien, der stimmungsvolle Score, die wunderschönen, staubig-erdigen Bilder, das ständig präsente Westernfeeling und nicht zuletzt die beiden schönen Hauptdarsteller, die sowohl auf der optischen als auch der zwischenmenschlichen Ebene ein perfekt harmonierendes Paar bilden. Und auch in den Nebenrollen gibt es tolle Darsteller wie Cheech Marin oder Danny Trejo, auch wenn dessen Einsatz vorwiegend darin besteht, seine einmalig markante Fresse in die Kamera zu halten. Die Mischung stimmt einfach und bietet über die gesamte Spieldauer ausgesprochen kurzweilige Unterhaltung. Da fällt es leicht, über die schwache Story hinweg zu sehen.

Donnerstag, 27. August 2015

EL MARIACHI (Robert Rodriguez, 1992)

Für sein Spielfilm-Debüt hatte Rodriguez 7.000 Dollar zur Verfügung. Dies muss man sich bei der Sichtung vor Augen halten, denn mit den beschränkten finanziellen Möglichkeiten gehen natürlich diverse Einschränkungen einher, die sich insbesondere bei den Actionsequenzen bemerkbar machen. Doch hat Rodriguez es verstanden, dies einigermaßen geschickt zu kaschieren, sodass dies nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Die Geschichte um einen umherziehenden Gitarrenspieler, der mit einem Auftragskiller verwechselt wird, ist jedenfalls originell und wird spannend erzählt. Und damit stellt El Mariachi im bisherigen Werk des Regisseurs einen Sonderfall dar. Dies nicht nur deshalb, weil es der bislang einzige Film des Texaners in spanischer Sprache ist; insbesondere die Tatsache, dass der Film im Gegensatz zu den meisten anderen Arbeiten des Regisseurs über eine vernünftige und halbwegs plausible narrative Struktur verfügt, ist bemerkenswert. Rodriguez Filme sind von der Machart üblicherweise stark an Comics angelehnt – und dies trifft nicht nur auf die beiden Sin-City-Filme zu, bei denen es sich tatsächlich um Comic-Verfilmungen handelt, sondern auch auf seine übrigen Arbeiten. Ihm geht es immer in erster Linie um die Inszenierung von Schauwerten: coole Action, markante Gesichter, schöne Frauen. Die Story ist dabei nebensächlich oder bleibt gleich ganz auf der Strecke. Ganz anders bei El Mariachi: Zwar gibt es mit Consuelo Gómez in der Rolle der Domino ungeachtet ihrer nicht zu übersehenden Veranlagung zum Damenbart auch etwas für's Auge, doch ist die Inszenierung – nicht zuletzt natürlich auch budgetbedingt – erfreulich bodenständig und verzichtet weitgehend auf überzogene Exzesse. Carlos Gallardo bietet eine recht überzeugende Leistung als ahnungsloser Mariachi, der einer Verwechslung zum Opfer fällt und sich in der Folge einer ganzen Horde von (glücklicherweise nicht sehr clever agierenden) Handlangern des lokalen Gangsterbosses erwehren muss, die es auf sein Leben abgesehen haben. Die vielen Laiendarsteller, die im Film teilweise Rollen verkörpern, die sie im echten Leben auch inne hatten, wie auch die zum Teil improvisierten Szenen verleihen El Mariachi einen ganz besonderen Charme und ein hohes Maß an Authentizität. Den Enthusiasmus, der Rodriguez und sein Team bei den Dreharbeiten umtrieb, merkt man dem fertigen Produkt zu jeder Zeit an. Dies alleine macht El Mariachi zu einem ungeheuer sympathischen kleinen Film, der zudem den Grundstein für die durchaus erfolgreiche Karriere des texanischen Regisseurs mit mexikanischen Wurzeln legte.

Mittwoch, 12. August 2015

THE HUNGER GAMES (Gary Ross, 2012)

Stephen King hat unter dem Pseudonym Richard Bachmann 1979 den phantastischen Roman The long Walk veröffentlicht, der meiner Meinung nach bis heute zu seinen besten Arbeiten zählt, und drei Jahre später The Running Man, zugleich Vorlage für gleichnamigen Film von Paul Michael Glaser aus den 80ern mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle. Beide Erzählungen spielen in einer autokratischen Gesellschaft, in der das Volk mit Spielen auf Leben und Tod bei Laune gehalten wird. Wenn man freundlich sein will, könnte man sagen, Suzanne Collins, die Autorin der Hunger-Games-Romane, habe sich von den genannten King’schen Vorlagen inspirieren lassen –  „dreist geklaut“ trifft es wahrscheinlich besser. Und dann ist da ja auch noch der dämliche Batoru rowaiaru (Battle Royale), ein japanischer Spielfilm aus dem Jahr 2000, in dem sich eine Horde Schüler gegenseitig töten muss. Auch dieser stand bei The Hunger Games ganz offensichtlich Pate.

Nun ist es ja nicht verwerflich, mit Versatzstücken von Erzählungen oder Filmen zu spielen und diese zusammenzusetzen, um etwas Neues zu schaffen. Es gibt in der Geschichte des Films genügend Beispiele, wo dies hervorragend funktioniert hat. Leider zählt die filmische Umsetzung von The Hunger Games nicht dazu. Die fehlende Inspiration der Macher sieht man dem fertigen Produkt förmlich an. Die Inszenierung wirkt billig und erinnert eher an eine TV-Produktion als an einen Kinofilm, was die Frage aufwirft, wofür die 78 Millionen Dollar verwendet wurden, die die Produktion verschlungen hat. Es fehlt an einer packenden Atmosphäre und so etwas wie Spannung kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Wenn es Aspekte gibt, die eine positive Erwähnung verdienen, dann sind es die Darsteller, bei denen insbesondere Jennifer Lawrence hervorzuheben ist. Sie spielt die Heldin wider Willen sehr überzeugend und trägt den Film mit einer starken Leistung ganz alleine über die mehr als zwei Stunden. Damit macht sie die Ödnis einigermaßen erträglich. Und auch Woody Harrelson als der ihr zugeteilte Mentor Haymitch weiß ein paar Akzente zu setzen. Doch können die beiden die zahlreichen Mängel nur zum Teil aufwiegen. Vielleicht bin ich inzwischen auch einfach nur zu alt. The Hunger Games richtet sich erkennbar an ein sehr junges Publikum, vorzugsweise Teenager zwischen 12 und 20 Jahren. Nicht zuletzt macht sich dies bei den altersgerecht inszenierten Kampfszenen bemerkbar, die kurz geschnitten und sehr blutarm daherkommen. Außerdem gibt es noch eine aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte, das kommt bei pubertierenden Jugendlichen immer gut an. Die anvisierte Zielgruppe ließ sich anscheinend in ausreichendem Maße begeistern – die Einspielergebnisse sprechen jedenfalls eine eindeutige Sprache. Und so kamen bisher zwei Fortsetzungen zustande, Teil 4 wird noch dieses Jahr folgen. Angesichts der Qualität des ersten Films werde ich auf die Sichtung derselben verzichten. Auch schön zu wissen, dass man wieder Zeit gespart hat.

Donnerstag, 30. Juli 2015

BIG EYES (Tim Burton, 2014)

Burtons Filme erzählen oft märchenhafte Geschichten, die meist der Phantasie entspringen. Auch die Geschichte von Big Eyes klingt märchenhaft, basiert aber doch auf einer wahren Begebenheit. Die frisch geschiedene Margaret verlässt zu Beginn der 50er Jahre ihren gewalttätigen Ehemann und geht mit ihrer Tochter nach San Francisco. Weil es ihr als geschiedene Frau nicht gelingt, eine Arbeitsstelle zu finden, verdingt sie sich als Straßenmalerin, indem sie die Kinder von Passanten gegen Geld porträtiert. Dabei malt sie alle Kinder mit übergroßen, traurigen Augen. Eines Tages lernt sie Walter Keane kennen, der sich ihr gegenüber ebenfalls als Maler ausgibt, sich in Wirklichkeit aber mit dem Verkauf von Bildern eines italienischen Künstlers über Wasser hält, bei denen er den Namen des Urhebers mit seinem eigenen übermalt. Er selbst hat keinerlei Talent zum Malen, ist aber ein begnadeter Verkäufer und erkennt das Potential, das in Margarets Bildern steckt. Nach ihrer Hochzeit beginnt er, ihre Bilder unter seinem Namen zu verkaufen. Als Margaret das mitbekommt, protestiert sie zunächst, fügt sich aber letztlich und malt weiter Bilder, die Walter mit immer größerem Erfolg verkauft.

Die Wohnsiedlung zu Beginn, aus der Margaret mit ihrer Tochter flüchtet, kommt dem Burton-Sympathisanten sofort bekannt vor. Irgendwie sehen die Wohngebiete in seinen Filmen immer gleich aus, der Inbegriff des kleinbürgerlichen, amerikanischen Spießertums. Interessant ist auch, dass Burtons eigene Zeichnungen und Puppen ebenfalls ausdrucksstarke, überproportional große Augen aufweisen – ähnlich wie die Margaret Keanes. Überhaupt hat Burton ja ein Herz für Künstler, und zwar auch für die, denen die große Anerkennung verwehrt geblieben ist. Das macht nicht zuletzt sein vor zwanzig Jahren entstandenes Porträt des erfolglosen Filmemachers Ed Wood deutlich. Seine quietschbunte, zuweilen ins theatralisch schweifende Art der Inszenierung, die oft zwischen Drama und Komödie hin- und her pendelt, ist wie geschaffen für eine Geschichte wie die, die Big Eyes erzählt. Eine Geschichte, die zeigt, dass auch ein mäßig talentierter Künstler mit der richtigen Vermarktung schon damals großen Erfolg haben konnte. Heutzutage gelingt dies dank youtube und der medialen Dauerpräsenz ja auch völlig talentfreien Menschen ohne Probleme.

Big Eyes erzählt vor allen Dingen aber auch die Geschichte einer Abhängigkeit. Die Abhängigkeit Margarets von ihren beiden Männern, vom Alkohol (was nur kurz angedeutet wird) und schließlich von den Zeugen Jehovas, die ihr – so zumindest die Darstellung im Film – jedoch auch helfen, sich gegen ihren Mann zur Wehr zu setzen und ihn schließlich in einem Gerichtsverfahren zu besiegen. Diese Abhängigkeit setzt Burton in Kontext zur damaligen Stellung der Frau in der Gesellschaft. Eine alleinerziehende, geschiedene Frau hatte damals keinen leichten Stand, und so manch andere Frau, der in jener Zeit ein selbstbestimmtes Leben verwehrt geblieben ist, wird sich womöglich in Margaret Keane ein Stück weit wiederfinden. Amy Adams spielt die verunsicherte, devote Frau ohne jedes Selbstvertrauen sehr nuanciert. Christoph Waltz hingegen spielt in erster Linie sich selbst, wobei zu vermuten ist, dass die völlig überzogene Darstellung, die schon aus den beiden letzten Tarantino-Filmen hinlänglich bekannt ist, beabsichtigt und von Burton so gewollt ist. Mir ging sein Getue nichtsdestotrotz ziemlich auf die Nerven. Darüber hinaus besticht Big Eyes mit seinen schönen Bildern, die überwiegend in zarten Pastellfarben gehalten sind, einer detailversessenen Ausstattung und Danny Elfmans stimmigem Score. Den beiden Songs, die Lana del Rey beigesteuert hat, wohnt eine melancholische Stimmung inne, die wunderbar den Ton des Films trifft. Big Eyes ist ein gutes Stück weit entfernt von Burtons besten Arbeiten; ein schöner Film ist er trotzdem geworden.

Mittwoch, 22. Juli 2015

INHERENT VICE (Paul Thomas Anderson, 2014)

Wenn die Coen Brothers ein Remake von Chinatown machen würden oder vielleicht auch von The Big Sleep, käme das Resultat womöglich Andersons neuestem Film ziemlich nahe. Die Handlung ist verwirrend und aufgrund der vielen verschieden Charaktere schwer zu durchschauen. In Gänze verstanden habe ich die Zusammenhänge nicht, wobei ich nicht sicher bin, ob dies auf meine Müdigkeit oder die absichtlich wirre Erzählweise zurückzuführen ist. Dies spielt aber auch alles keine Rolle, denn das Letzte, worum es Anderson bei der Realisierung von Inherent Vice ging, war das Erzählen einer spannenden Geschichte. Über weite Strecken wirkt das vielmehr wie ein Schaulaufen skurriler Figuren, die sich zum Teil in absurden Situationen wiederfinden. Mitten durch das ganze Chaos irrlichtert der meistens zugedröhnte Doc Sportello, großartig gespielt von Joaquin Phoenix. Die Frauen stehen auf ihn, obwohl er sich selten die Füße wäscht und es auch sonst mit der Körperhygiene nicht so genau nimmt. Toll auch Josh Brolin als sich stets am Rande der Legalität bewegender Polizeiermittler, der bei jeder Gelegenheit versucht, Doc unter Druck zu setzen. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer bekannter Gesichter zu bewundern, teils in nur kleinen Nebenrollen. 

Das 70er-Jahre-Hippie-Feeling wurde sehr gut eingefangen und wird zudem durch die Musik kongenial unterstrichen. Ich weiß nicht, ob es hilfreich ist, Inherent Vice in bekifftem oder betrunkenem Zustand zu schauen, könnte mir aber vorstellen, dass dies der Sichtung einen Mehrwert verleiht. Ich hingegen war völlig nüchtern, fand aber durchaus Gefallen an dem grotesken Treiben, den völlig überzeichneten Figuren, der prachtvollen Ausstattung und den ausgesprochen schönen Bildern des Anderson-Stamm-Kameramannes Robert Elswit. Irgendwann ist der Film zu Ende und man weiß nicht genau, was eigentlich passiert ist, aber irgendwie ist das auch egal.