Sonntag, 18. Dezember 2016

LEGEND OF TARZAN (David Yates, 2016)

Legend of Tarzan bedient sich der Hauptfigur der vom amerikanischen Schriftsteller Edgar Rice Burroughs geschaffenen Tarzan-Geschichten, geht aber auf deren Leben im Dschungel nur in Rückblenden ein. Die eigentliche Geschichte beginnt viel später, lange nachdem Tarzan nach England zurückgekehrt ist und wieder den Titel Lord Greystoke trägt. Dabei setzte man wieder einmal auf das derzeit in Hollywood so angesagte Rassismus-Thema, und hier im speziellen die Ausbeutung der afrikanischen Ureinwohner durch den bösen weißen Mann. Dabei ist die weiße Rasse ein wahrer Ausbund an Schlechtigkeit, außer Tarzan und Jane sind alle Weißen ausnahmslos skrupellos, egoistisch und hemmungslos ausbeuterisch unterwegs. Als großer Edelmann kommt hingegen der von Samuel L. Jackson verkörperte George Washington Williams daher (kein Wunder - er ist ja auch schwarz), übrigens eine historische Figur. Und selbst der zunächst böse Stammeshäuptling Mbonga, der Tarzan aus Rache nach dem Leben trachtet, lässt sich von jenem schnell besänftigen, indem er ihm seine Motive für die Tötung von Mbongas Sohn erklärt. Von differenzierter Charakterzeichnung also keine Spur, hier gibt es nur schwarz oder weiß - im wahrsten Sinne des Wortes. Aber sei's drum!

Leider kann Legend of Tarzan auch darüber hinaus nur in Teilbereichen überzeugen. Darstellerisch ragt natürlich Jackson heraus, was aber auch das Problem beinhaltet, dass er mit seinem Charisma die eigentliche Hauptfigur eher zur Randerscheinung verkommen lässt, zumal diese vom Schweden Alexander Skarsgård recht spröde und nordisch unterkühlt dargeboten wird. Immerhin macht er dabei durch seine imposante körperliche Erscheinung eine gute Figur. Margot Robbie ist keine gute Schauspielerin, sieht aber zweifellos toll aus und bietet so einen schönen Blickfang. Und Christoph Waltz spielt die gleiche Rolle wie immer, wobei sein affektiertes Gehabe hier ganz gut zu seiner Figur passt. 

Positiv sind die gelungenen Special Effects zu erwähnen. Nahezu alle Tiere wurden digital erschaffen, was man aber - von vereinzelten Ausnahmen abgesehen (Stichwort: Leopard) - kaum bemerkt. Dazu gibt es atemberaubend schöne (digitale) Landschaftsaufnahmen und ein paar nett gemachte Actionszenen, die jedoch insgesamt sehr routiniert und wenig inspiriert wirken. Atmosphärisch ist das Ganze also durchaus stimmig, doch wirkt die Inszenierung wenig durchdacht und etwas unstrukturiert. Die zahlreichen Rückblenden stören den Filmfluss und sind eher selbstzweckhaft, als dass sie die Handlung vorantreiben.

Unter dem Strich bietet Legend of Tarzan bestenfalls durchschnittliche Unterhaltung. Da ich die Sichtung ohnehin mit geringen Erwartungen angegangen bin, hält sich meine Enttäuschung in Grenzen. Wenn man gar nicht mehr weiß, man gucken soll, kann man sich das durchaus mal anschauen. Man kann es aber genauso gut lassen.

Samstag, 26. November 2016

13 HOURS (Michael Bay, 2016)

You're in my world now.

Es ist jetzt nicht so, dass ich ein großer Fan von Michael Bay bin, aber atemlose Action mitreißend inszenieren - das kann er zweifellos. 13 Hours ist dafür ein gutes Beispiel. Auf unnötigen Ballast wie beispielsweise eine genauere Beleuchtung der Hintergründe oder der politischen Großwetterlage nach dem sogenannten "Arabischen Frühling" verzichtet er weitgehend. Erklärt wird nur das Notwendige, um die Situation, in der sich die CIA-Mitarbeiter befinden, dem Zuschauer näher zu bringen. Zwecks besserer Identifikation werden dann noch die familiären Gegebenheiten der Protagonisten kurz skizziert, und schon kann's losgehen.

Wer also hier eine kritische Abrechnung mit der US-Außenpolitik erwartet, ist fehl am Platz, wobei das Versagen des Außenministeriums in der Bengasi-Angelegenheit zumindest thematisiert wird. Die Leidtragenden sind die Einsatzkräfte vor Ort, die sich nach offizieller Sprachregelung gar nicht dort befinden. Kommt einem bekannt vor, folgt doch die Außenpolitik der Weltmacht seit Jahrzehnten dem immer gleichen Schema.

Das alles interessiert Michael Bay nur am Rande. Hat man die Einführung erstmal hinter sich gebracht, wird man mit einem furiosen Action-Feuerwerk belohnt, das kaum Wünsche offen lässt. Nach der Erstürmung der amerikanischen Botschaft und deren Inbrandsetzung bemüht sich das Spezialteam vergeblich um die Rettung des Botschafters. Die Inszenierung und der Erzählstil erinnern dabei frappierend an Ridley Scotts Black Hawk Down, der von der Machart ganz ähnlich ist. Auch Bay bedient sich (wenig überraschend) des seit längerem etablierten pseudo-dokumentarischen Stils, der dem Zuschauer das Gefühl vermittelt, sich inmitten des Kampfgetümmels zu befinden. Das eigentliche Highlight ist jedoch die ausgedehnte Belagerungssequenz in der zweiten Hälfte des Films, in der ein Haufen islamistischer Terroristen versucht, den Stützpunkt der Amerikaner zu stürmen.

13 Hours bietet über die gesamte Spielzeit ausgesprochen kurzweilige Unterhaltung und darüber hinaus eine gute Gelegenheit, die heimische Surround-Anlage ausgiebig zu testen. Wer die Sichtung mit den entsprechenden Erwartungen angeht, wird hier bestens bedient.

Samstag, 12. November 2016

BLOOD FATHER (Jean-François Richet, 2016)

I'm sorry I wasn't there for you, baby.

Nach dem überraschend guten Get the Gringo darf Mel Gibson mal wieder in einer Hauptrolle ran. Wollte man böse sein, könnte man nach Gemeinsamkeiten zwischen ihm und der hier verkörperten Rolle suchen - wird diese doch mit der Teilnahme an einem Treffen der anonymen Alkoholiker eingeführt. Aber ganz so schlimm wie dem Ex-Säufer und Ex-Knacki Link hat das Leben dem echten Mel Gibson dann doch nicht mitgespielt. Aber, Spaß beiseite: Der unsagbar dämliche Filmtitel suggeriert ein zünftiges Blutbad oder zumindest eine deftige Action-Schlachtplatte, und so stellte mich mich auf ähnlich gute Unterhaltung ein, wie sie der oben erwähnte Streifen bot. 

Doch leider ist Blood Father in dieser Hinsicht eine ziemliche Enttäuschung. Etwas ansprechend inszenierte Action gibt es zwar, aber doch sehr dosiert und auf insgesamt drei Szenen verteilt.  Dazwischen wird eine nicht sehr originelle Vater-Tochter-Geschichte erzählt, die wenig Gehaltsvolles bietet. Links Wandlung vom Versager-Vater zum Super-Papi wird überwiegend recht schlüssig dargelegt, bleibt dabei aber jederzeit vorhersehbar. Überraschungen bleiben aus. Gibson spielt seine Rolle gut und hat immer noch genug Charisma, um einen Film souverän über 90 Minuten zu tragen. Und mit Michael Parks und William H. Macy kann man noch mit zwei weiteren starken Darstellern aufwarten, die immer gerne gesehen sind. Erin Moriarty als Links Tochter Lydia kann hingegen nur teilweise überzeugen.

Insgesamt bietet Blood Father allenfalls solide Unterhaltung. Man langweilt sich nicht, echte Begeisterung will sich aber auch nicht einstellen. Die beste Szene ist eigentlich noch die Eröffnungssequenz, in der die 17-jährige Lydia in einem Kaufhaus keine Zigaretten erwerben darf, weil sie keinen Ausweis vorlegen kann und somit den Altersnachweis schuldig bleibt. Der Kauf der scharfen Munition für eine Pistole im selben Laden ist dagegen kein Problem.

Montag, 31. Oktober 2016

THE SHALLOWS (Jaume Collet-Serra, 2016)

Mal wieder ein Hai-Film. Hatten wir länger nicht mehr, wobei die Vertreter des Genres meist ja dem Trash-Sektor oder zumindest dem B-Movie-Bereich zuzurechnen sind. Nach Spielbergs Jaws war ohnehin alles gesagt und zugleich die Messlatte so hoch gelegt, dass sie – da lege ich mich fest – in Zukunft nie mehr erreicht werden wird. Auch The Shallows gelingt dies natürlich nicht einmal im Ansatz, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Spanier Collet-Serra derlei im Schilde führte. Für knapp 90 Minuten kurzweiliger Unterhaltung reicht es aber allemal. Dafür bürgt alleine schon die höchst attraktive Blake Lively, die zu Beginn ihren da noch makellosen Körper aufreizend in die Kamera reckt. Ganz nett auch die Idee, die modernen Kommunikationsmedien durch Bild-in-Bild-Einblendungen zu integrieren. Das wirkt zeitgemäß und fängt auch gleich die jugendliche Zuschauergruppe mit ein, sofern diese nicht männlichen Geschlechts ist und sich ohnehin an Livelys Kurven ergötzt.

Die Story ist bewusst simpel gehalten. Die junge Medizinstudentin Nancy verschlägt es beim Surfen auf der Flucht vor einem weißen Hai auf einen kleinen Felsen vor der Küste Mexikos, der mit der einsetzenden Flut für eine gewisse Zeit im Wasser versinken wird. Einige Rückblenden nutzt Collet-Serra dazu, der Figur etwas Tiefe zu verleihen. Man erfährt, dass ihre Mutter den Kampf gegen den Krebs verloren hat und dass sie den Strand, von dem sie losgesurft ist, besuchen wollte, weil ihre Mutter während ihrer Schwangerschaft dort war.

Seine Spannung bezieht der Film hauptsächlich aus der Belagerungssituation, in der Nancy sich auf dem Felsen wiederfindet. Der Hai wartet geduldig im Wasser auf sein Opfer, was zwar nicht sonderlich realistisch, aber der Spannung sehr zuträglich ist. Schnell macht sich dabei auch das niedrige Budget des Films bemerkbar, denn die verausgabten 17 Millionen Dollar haben offensichtlich nicht für anständige Special Effects gereicht. Solange man immer nur die Flosse sieht, ist alles ok, doch sobald man des Hais in voller Pracht ansichtig wird, könnte man glauben, die technische Entwicklung sei seit Spielbergs Jaws stehen geblieben. Wobei hier natürlich statt Miniaturen und Modellen CGI eingesetzt werden.

Doch sind die schwachen Effekte so ziemlich das Einzige, was man The Shallows vorwerfen kann. Ansonsten gibt es wenig zu meckern. Das Tempo ist durchgehend hoch, die Naturaufnahmen können ebenso begeistern wie die zahlreichen Close-Ups auf Livelys Körper und ein paar gute Schockeffekte gibt es auch. Ordentliche Unterhaltung also, und mehr darf man von The Shallows auch nicht erwarten.  

Samstag, 29. Oktober 2016

THE NEON DEMON (Nicolas Winding Refn, 2016)

 I ate her.

Die Arbeiten von Nicolas Winding Refn lerne ich mit jedem seiner Filme mehr zu schätzen und im Laufe der Jahre hat der Däne sich zu einem meiner Lieblingsregisseure entwickelt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sein Œuvre inzwischen eine beachtliche Vielfalt aufweist und insbesondere seine letzten Filme eine betörend schöne Bildersprache aufzuweisen haben. Von den Kopenhagener Gangster-Geschichten, mit denen er vor zwanzig Jahren angefangen hat, über die Charakterstudie Bronson, den spirituellen Valhalla Rising und den massentauglichen Drive bis hin zu dem völlig abgedrehten Only God forgives, der für den Mainstream-Kinogänger, der Drive noch abfeierte, wie ein Schlag in die Fresse gewirkt haben muss.

Mit The Neon Demon geht er diesen Weg konsequent weiter und es fällt nicht schwer zu prophezeien, dass auch Refns neuestes Werk auf keine allzu große Gegenliebe beim Massenpublikum stoßen wird. Wie schon beim Vorgänger ist eine Story nur noch rudimentär vorhanden. Narzissmus, Neid, Gier, Eifersucht, Nekrophilie - die Liste der Themen, die  The Neon Demon beackert, ist lang und mit dieser Aufzählung noch nicht einmal vollständig wiedergegeben. Dabei produziert er wieder einmal verstörend schöne Bilder, die schnell eine Sogwirkung entfalten und zugleich faszinieren und abstoßen. Bestes Beispiel dafür ist die lesbische "Vergewaltigung" der Frauenleiche - eine Szene, die nach Filmende noch lange im Gedächtnis bleibt. Untermalt wird das Geschehen meist von sphärischen Klängen oder rhythmischem Disco-Sound, für den wieder Cliff Martinez verantwortlich zeichnet, mit dem Refn schon bei seinen letzten beiden Filmen zusammengearbeitet hat. Übrigens zählt auch Spring Breakers zu seinen Arbeiten, mit dem The Neon Demon durchaus einige Gemeinsamkeiten hat.

The Neon Demon ist ein faszinierender Trip, der die oberflächliche Welt der Models und Modeagenturen von einer ganz eigenen Seite beleuchtet und zugleich dem Wort Konsumgesellschaft eine neue Bedeutung verleiht. Dabei lotet Refn die Extreme in alle nur erdenklichen Richtungen aus und scheut vor keiner Eskalation zurück. Da ist das Ende nur konsequent. Richtig schocken kann es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Dienstag, 11. Oktober 2016

NERVE (Henry Joost & Ariel Schulman, 2016)

Nerve führt einem schon in den ersten Minuten gnadenlos das eigene Alter vor Augen. Nicht nur, dass man als Mittvierziger so seine Schwierigkeiten mit den zahlreichen Begriffen aus der Welt der sozialen Netzwerke hat, spielt zu allem Überfluss Juliette Lewis, die noch ein paar Jahre jünger ist als ich, die Mutter einer erwachsenen Tochter. Und auch sonst kam ich mir in den ersten Minuten fehl am Platz vor, dachte ich doch, ich hätte mich in eine Teenie-Schnulze verirrt. Zu Beginn werden jedenfalls die üblichen Ingredienzien aufgefahren und die gängigen Klischees bemüht. Die draufgängerische Sydney, der die männlichen Verehrer nur so zuzufliegen scheinen und die für einen handfesten Skandal an ihrer Highschool sorgt, weil sie bei einer Cheerleader-Veranstaltung - deren grundsätzlicher Reiz sich mir im Übrigen noch nicht erschlossen hat - ohne Höschen auftritt, dabei aber, dann doch irgendwie typisch amerikanisch-keusch nur ihr nacktes Hinterteil präsentiert, ihre hübsche, aber schüchterne Freundin Vee, die unsterblich in einen Jungen verliebt ist, sich aber nicht traut, ihn anzusprechen, etc. 

Doch die anfängliche Langeweile verfliegt spätestens in dem Moment, in dem Vee in ein berüchtigtes Online-Game einsteigt, dass die angemeldeten Nutzer in Spieler und Beobachter aufteilt. Die dahintersteckende Idee ist gar nicht so weit hergeholt, und es erscheint durchaus realistisch, dass ein derartiges Spiel einen großen Teil der Online-Welt derart in seinen Bann ziehen könnte wie im Film geschildert. Da muss man sich nur die Pokemon-Go-Hysterie anschauen, die vor einigen Monaten das deutsche Volk heimgesucht hat. Aus den anfangs recht harmlosen Herausforderungen werden schnell Spiele auf Leben und Tod, denen man sich zwar durch Aufgeben entziehen kann, doch die damit verbundene Schande will natürlich niemand auf sich nehmen.

Die Story ist im Grund genommen die gleiche, die schon Glaser vor 30 Jahren in The Running Man erzählt hat. Oder auch die Hunger Games-Reihe, die aber ohnehin nur ein Abklatsch der Bachmann-Romane ist. Wirklich Neues bietet Nerve demnach nicht, aber die Adaption an die Bedingungen der Gegenwart und die heutige Gesellschaft wissen zu gefallen. Zudem wird das rasant und ohne großen Schnickschnack erzählt. Die geradlinige Inszenierung lässt keinen Leerlauf und bleibt immer auf die Hauptfiguren fokussiert. Zum Ende hin gingen mit den Machern etwas die Pferde durch - die Sache mit der Hackergruppe, die in einer Hauruck-Aktion quasi die Kontrolle über das Netz übernimmt, war mir dann doch etwas zu viel. Das kann den positiven Gesamteindruck jedoch nicht schmälern. Allemal sehenswert.

Mittwoch, 24. August 2016

HAIL, CAESAR! (Ethan & Joel Coen, 2016)

Das aktuelle Werk der Coens beschäftigt sich mit goldenen Ära Hollywoods und ist Liebeserklärung und satirische Abrechnung zugleich. Der Anfang gestaltet sich etwas träge. Das Geschehnisse wirken beliebig aneinandergereiht und insgesamt wenig zielführend. Hail, Caesar kommt nur schwer in die Gänge, doch mit zunehmender Spieldauer finden die Brüder aus Minnesota zu ihrer gewohnten Form zurück. Die größte Stärke sind - wie so oft bei den Coens - die liebevoll ausgearbeiteten Charaktere, von denen die meisten sich immer etwas ungeschickt anstellen. Die Story um eine Bande kommunistischer Verschwörer, die einen bekannten Hollywood-Star kidnappen, um Lösegeld zu erpressen, ist recht witzig und findet ihre Pointe in der Szene, in der der Chef-Verschwörer den Koffer mit dem Lösegeld ins Meer fallen lässt, weil er seinen Hund auffängt, der ihm entgegen springt. Auch darüber hinaus werden die Kommunisten als liebenswerte Trottel porträtiert, die sich ernsthaft der Marx'schen Grundidee vom besseren Menschen verpflichtet fühlen.

Die Darsteller sind wunderbar, allen voran der stets gehetzt wirkende Josh Brolin, der aber dennoch alles im Griff hat und für Coen-Verhältnisse eine erstaunlich souveräne Figur abgibt, aber auch George Clooney, der seine Rolle mit viel Selbstironie interpretiert. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Stars wie Ralph Fiennes, Scarlett Johansson, Tilda Swinton oder Alden Ehrenreich zu bewundern. Selbst Dolph Lundgren ist mit von der Partie. Roger Deakins kleidet das in gewohnt schöne Bilder, die die goldenen Ära vor den Augen des Zuschauers wieder auferstehen lassen.

Hail, Caesar! gehört für meine Begriffe zwar nicht zu den Sternstunden der Coens, bietet aber gewohnt kurzweilige Unterhaltung und kann auf ganzer Linie überzeugen. Lediglich die immer wieder eingestreuten Musical-Parts fand ich etwas anstrengend.

Sonntag, 24. Juli 2016

BETWEEN HEAVEN AND HELL (Richard Fleischer, 1956)

Between Heaven and Hell erzählt die interessante Geschichte von Sam Francis Gifford, einem vermögenden Landbesitzer, der sich nach dem Eintritt der Amerikaner in den 2. Weltkrieg unvermutet auf einer (nicht näher bezeichneten) Insel im Pazifik mitten im Kriegsgebiet wiederfindet. Dort steht er aber zunächst unter dem Schutz seines Schwiegervaters, des Oberst Cousins, der Kommandant des Regiments ist, in dem Gifford dient. Der besorgt ihm auch gleich einen Silverstar für seine heldenhafte Ausschaltung eines gegnerischen Scharfschützen. Doch als sein Schwiegervater durch einen hinterhältigen Angriff getötet wird, beginnt sich das Blatt gegen ihn zu wenden. Und er beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Die Baumwollpflücker, auf die er zuvor im zivilen Leben mit Verachtung herabgeblickt und zudem noch schlecht behandelt hatte, sind plötzlich seine Kameraden und Freunde. Aus Wut über einen Offizier, der in einer nervösen Kurzschlussreaktion seine neugewonnenen Freunde erschießt, geht er diesem an die Kehle und wird dafür zunächst in Haft genommen und später strafversetzt auf einen Außenposten, wo der psysisch kranke Captain Grimes, der sich von allen nur Waco nennen lässt, das Sagen hat.

Between Heaven and Hell wirft einen für die Entstehungszeit ungewohnt kritischen Blick auf das amerikanische Militär und zeigt, welche psychischen Spuren der Krieg in den eigenen Reihen und speziell auch bei den Offizieren hinterlässt. Ist Oberst Cousins noch ein ehrenhafter Offizier, der den Respekt seiner Untergebenen genießt, sind der Leutnant mit dem nervösen Finger und erst recht der Psychopath Waco Menschen, denen man nicht ausgeliefert sein will. Letzterer erinnert etwas an Colonel Kurtz aus Apocalypse now.

Die Handlung wird episodenhaft in mehreren Rückblenden erzählt und erschließt sich dem Zuschauer dadurch erst nach und nach. Die immer wieder eingestreuten Gefechtsszenen sind gut gemacht und die einzelnen Charaktere sind hinreichend detailliert ausgearbeitet, um ihr Handeln nachvollziehen zu können. Unter dem Strich sehr beachtlich und für die damalige Zeit eine bemerkenswert kritische Herangehensweise.

Donnerstag, 30. Juni 2016

ALICE THROUGH THE LOOKING GLASS (James Bobin, 2016)

Eine Fortsetzung von Alice in Wonderland hatte ich gar nicht auf der Rechnung. Hätte ich auch nicht unbedingt gebraucht, zumal Tim Burton nicht Regie geführt, sondern lediglich die Rolle des Produzenten übernommen hat. Außerdem bin ich sowieso kein Freund von Fortsetzungen. Meine Tochter wollte aber unbedingt ins Kino, und so habe ich mich überreden lassen. Und ich wurde positiv überrascht, denn im Gegensatz zu vielen anderen zweiten Teilen gelingt es Alice through the Looking Glass beinahe nahtlos an den Vorgänger anzuschließen. Und das, obwohl nicht Burton Regie geführt hat, sondern der mir unbekannte James Bobin, der bisher hauptsächlich fürs Fernsehen tätig war. Dies fällt jedoch überhaupt nicht ins Gewicht und hätte ich es nicht gewusst, wäre ich vermutlich der Meinung gewesen, Tim Burton sei für den Film verantwortlich.

Kontinuität ist alleine schon dadurch gewahrt, dass alle wichtigen Rollen aus Teil 1 wieder mit denselben Schauspielern besetzt werden konnten  - was angesichts dessen finanziellen Erfolgs nicht verwunderlich ist - und auch die Disney-Drehbuchautorin Linda Woolverton wieder für das Script verantwortlich war. Burtons Stammkomponist Danny Elfman sorgte natürlich wieder für die musikalische Untermalung - und das in gewohnt souveräner Art und Weise. Wie schon beim Vorgänger ist das Treiben recht kindlich ausgefallen. Man muss sich als Zuschauer natürlich auf das Ganze einlassen und eintauchen in diese von so bizarren Figuren wie der Grinsekatze oder den Zwillingen Tweedledee und Tweedledum bevölkerten Welt. Wenn einem dies gelingt, kann man durchaus seine Freude haben an diesem Film. Eine absolute Show ist wieder die von Helena Bonham Carter verkörperte rote Königin, die schon im ersten Teil meine Lieblingsfigur war. Storytechnisch kann Alice through the Looking Glass nicht völlig überzeugen. Unter dem Strich dennoch allemal sehenswert und keinen Deut schlechter als sein Vorgänger. Gute Unterhaltung für die ganze Familie.

Montag, 30. Mai 2016

THE REVENANT (Alejandro González Iñárritu, 2015)

Angesichts des mächtigen Getöses, das im Vorfeld des Kinostarts um The Revenant veranstaltet wurde, waren meine Erwartungen sehr hoch. Die Sichtung verlief dann mit einem eher ernüchternden Ergebnis. Denn trotz der eigentlich guten Story, die ja angeblich auf einer wahren Begebenheit im Leben des Trappers Hugh Glass beruht, ist Iñárritus neuer Film vor allem eines: langatmig. Dabei fängt alles so gut an. Der Indianerüberfall zu Beginn ist von beachtlicher Intensität und sehr dynamisch inszeniert und auch Glass' Kampf mit dem Grizzly ist höchst spannend und wirkt erschreckend echt. Leider kann der mexikanische Starregisseur dieses Niveau nicht halten und verzettelt sich zunehmend in esoterischen Spielereien und bedeutungsschwangeren Visionen, die sich um das zentrale Motiv der Ermordung von Glass' indianischer Frau drehen, sodass man sich stellenweise fast in einem Terrence-Malick-Film wähnt. Und überhaupt: dieser ganze elende Subplot um die fehlende Akzeptanz von Glass' Mischlingssohn durch die Trapper-Gruppe, die letztlich in dessen Ermordung durch den Indianerhasser Fitzgerald mündet, ist vollkommen unnötig und erkennbar dem Bemühen geschuldet, die in Hollywood so angesagte Rassismus-Thematik im Film unterzubringen. Sowas macht sich bei der Oscar-Verleihung immer gut. Der reine Selbstzweck also, einen Mehrwert gibt dies dem Film nicht.

Und so schleppt sich das Geschehen über weite Strecken ähnlich mühsam dahin wie der verwundete Glass durch die verschneite Wildnis. Spannend ist das nur selten, zumal Überraschungen ausbleiben. Die Regenerationsfähigkeiten, die der Protagonist dabei an den Tag legt, sind erstaunlich. Kann er sich anfangs nur kriechend bewegen, springt er bald wie ein junges Reh durch die Gegend, stiehlt ein Pferd von einer Truppe französischer Trapper und vollbringt im Vorbeigehen noch eine gute Tat, indem er eine gefangen gehaltene Häuptlingstochter vor ihrem Vergewaltiger rettet. Ein echter Held eben. Zum Schluss kommt es dann zum unvermeidlichen Showdown, bei dem Iñárritu auch noch die letzten Ansätze von Logik und Realismus über Bord wirft. Dass der Kommandant des Forts sich überhaupt die Mühe macht, Fitzgerald zu verfolgen, ist angesichts des zeitlichen Rahmens, in dem die Handlung angesiedelt ist, wenig glaubwürdig. Dass er aber auch noch alleine mit dem halbtoten Glass die Verfolgung aufnimmt, statt einen Trupp Soldaten mitzunehmen, kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen. Das Ganze ist zudem unterlegt mit einem hektischen Score, der die Nerven des Zuschauers stellenweise arg strapaziert.

Ganz so schlimm, wie sich das alles liest, ist The Revenant aber nun auch wieder nicht. Denn ungeachtet der vorstehend geschilderten Schwächen kann die erste halbe Stunde durchaus überzeugen. Zudem gibt es durchweg schöne Landschaftsaufnahmen zu sehen und nicht zuletzt mit Leonardo DiCaprio und Tom Hardy zwei starke Hauptdarsteller. Vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu hoch, doch ich bin sicher, dass bei einer strafferen Inszenierung The Revenant ein weitaus besserer Film hätte werden können. Im direkten Vergleich mit dem tollen Birdman fällt The Revenant in jedem Fall deutlich ab.

Donnerstag, 31. März 2016

THE SHOOTIST (Don Siegel, 1976)

I'm a dying man scared of the dark.

The Shootist war bekanntlich John Waynes letzter Film, und einen würdigeren Abgang für einen der größten Western-Darsteller überhaupt kann man sich kaum vorstellen. Die Story um einen alternden Revolverhelden, der für seinen schnellen Abzug weithin gefürchtet ist, und der in das beschauliche Städtchen Carson City kommt, um sich dort zur Ruhe zu setzen und seine letzten Tage zu verbringen, hat mich jedenfalls sofort gefesselt. Books wird seit einiger Zeit von starken Schmerzen geplagt und sucht einen dort ansässigen, ihm lange bekannten Arzt auf (auch toll: James Stewart), um sich von ihm die Bestätigung der niederschmetternden Diagnose zu holen, die er schon von einem anderen Arzt erhalten hat: Krebs im Endstadium. Seine letzten Tage will er in Carson City verbringen. Er kommt bei der Witwe Bond Rogers unter, deren Herz er trotz ihrer anfänglichen Abneigung ihm gegenüber gewinnen kann.

Auch wenn über allem unverkennbar der Schleier der Melancholie liegt: The Shootist ist alles andere als ein trübseliger Film. Books, der es stets gewohnt war, jede Situation unter Kontrolle zu haben, will sich dem unaufhaltbaren Siechtum nicht einfach so hingeben, sondern selbstbestimmt in den Tod gehen - zu einem Zeitpunkt, den er bestimmt und unter Umständen, die er selbst wählt. Statt sich seinem Schicksal wehrlos zu ergeben, wählt er einen Abgang, der seinem Werdegang und dem damit verbundenen Ruf gerecht wird. Selbst seine Henker wählt er selbst, auch wenn diese sich letztlich als unfähig erweisen, ihre Aufgabe auszuführen, weil Books auf seine alten Tage immer noch schneller ist als seine Widersacher. Er ist ein Relikt aus einer anderen Zeit, deren Ende hier auch durch den Tod Königin Victorias symbolisiert wird, die das britsche Königreich zuvor 67 Jahre lang regiert hatte. Und doch zeigt er in seinen letzten Minuten noch allen, was eine Harke ist.

The Shootist ist ein Film voller erinnerungswürdiger Sprüche, mit einer tollen Story und erstklassigen und zum Teil recht amüsanten Dialogen. Insbesondere die Wortgefechte zwischen Bacall und Wayne sind wunderbar, die romantische Beziehung zwischen ihnen, die mehr angedeutet als ausgeschmückt wird, wirkt glaubwürdig und ist frei von Kitsch. Die beeindruckende Darsteller-Riege tut das ihre. Siegel hat das gewohnt zielstrebig und schnörkellos inszeniert und setzt der Western-Ikone John Wayne damit ein Denkmal. Ein großartiger Film!

Mittwoch, 30. März 2016

CRIMSON PEAK (Guillermo del Toro, 2015)

Funny. That's the last thing Mother said, too.

Zu Guillermo del Toro habe ich ein eher schwieriges Verhältnis. Mit den meisten seiner Filme kann ich, soweit ich sie kenne, wenig anfangen. Ob Blade II, Hellboy oder Pacific Rim - alles keine Streifen, die ich mir freiwillig ein zweites Mal anschauen würde. Lediglich El Laberinto del Fauno ragt aus seinem höchst durchschnittlichen Werk positiv heraus und konnte mich nachhaltig beeindrucken.

Crimson Peak, sein neuester Film, hat auf den ersten Blick mehr mit Letztgenanntem gemein als mit den übrigen Filmen, die entweder einen Comic als Grundlage haben oder sich zumindest stilistisch in diese Richtung bewegen. Es handelt sich um einen traditionell erzählten Horrorfilm, der weder besonders originell ist noch mit außergewöhnlichen Ideen aufwarten kann. Mit der Logik nimmt er es auch nicht so genau, gilt es doch eine Reihe von Plotholes großzügig zu übersehen. Die Schockeffekte wirken meist weniger optisch, sondern eher aufgrund des äußerst gelungenen Sounddesigns, wobei man ohnehin die hinlänglich bekannte bekannte Geschichte von den eigentlich guten Geistern bemüht, die dem Protagonisten nur helfen wollen. Echte Angst muss man vor den zahlreichen Erscheinungen also nicht haben.

Das größte Plus ist ohne Zweifel das tolle Setting in dem alten Schloss, das eine höchst gelungene Kulisse für das Geschehen bildet. Von Anfang ist man sich als Zuschauer darüber im Klaren, dass man selbst unter keinen Umständen auch nur eine Nacht in dem schaurigen Gebäude verbringen würde und wünscht der Protagonistin dringend die nötige Einsicht, dies ebenfalls zu erkennen. Ein Lob gebührt an dieser Stelle dem dänischen Kameramann Dan Laustsen, der seine Fähigkeiten u. a. bei Le Pacte des Loups oder Nattevagten unter Beweis stellte. Darstellerisch wird hingegen solide Kost geboten. Die Beteiligten machen ihre Sache recht gut, ohne dabei groß zu glänzen. Solange man nichts Revolutionäres erwarten, wird man hier unter dem Strich sehr ordentlich unterhalten, und den deutlich erkennbaren Poe-Faktor habe ich mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Mittwoch, 16. März 2016

SPECTRE (Sam Mendes, 2015)

I can think of worse ways to go.

Schon im Vorfeld war klar, dass es schwierig werden würde, an das Niveau des sehr erfolgreichen Vorgängers Skyfall anzuknüpfen. Dessen waren sich ganz offensichtlich auch die Macher bewusst, und so bemüht man sich erkennbar, die Magie alter Zeiten heraufbeschwören. Das fängt schon beim Vorspann an, der erstmals seit dem Neustart der Reihe wieder mit der traditionellen Pistolenlauf-Sequenz aufwartet. Unterlegt ist diese allerdings von einem wirklich scheußlichen Song, der gewiss als einer der schwächsten Bond-Songs in die Geschichte eingehen wird. Auffällig sind die vielen Selbstreferenzen, die jedoch im Gegensatz zum hervorragenden Casino Royale völlig humorlos und ironiefrei vorgetragen werden. Schon die Story wirkt wie eine Verneigung vor den Anfängen der Reihe. Da gibt es eine Zugfahrt inklusive Schlägerei wie seinerzeit in From Russia with Love, das in mehreren Bondstreifen bemühte Motiv des Oberschurken als Gastgeber, wobei es sich in Wahrheit eher um eine Gefangennahme handelt, und mit Blofeld kommt ein alter Gegenspieler Bonds zu einem neuen Auftritt. Und da zeigt sich gleich auch die Schwäche dieser überbordenden Selbstverliebtheit: Nicht genug damit, dass Blofeld ein böser und mächtiger Gegenspieler ist, ist er zugleich auch quasi Bonds Adoptivbruder, der seinen Hass auf jenen als Triebfeder seines Handelns begreift, und nicht nur der heimliche Boss aller vorherigen Bondgegner sondern auch dafür verantwortlich ist, dass Bond alle Menschen verloren hat, die ihm mal etwas bedeutet haben. Blofeld ist seine ganz persönliche Nemesis. Doch damit immer noch nicht genug: Blofeld hat auch den Chef des britischen Geheimdienstes gekauft, um mit diesem gemeinsam den weltweiten Einsatz seines Spionagesystems zu erreichen. Wer angesichts solcher Kapriolen seine Fassung bewahrt, kann sich meines Respekts sicher sein. Mir jedenfalls wurde das alles irgendwann einfach zu viel und ich war nicht mehr bereit, der kruden Story inhaltlich zu folgen.

Nun ist Spectre nicht der erste Bondfilm mit zweifelhafter Story und oft genug ist es den Vorgängern gelungen, dieses Manko mit mitreißender Action zu kompensieren. Doch auch in diesem Punkt kann Bond Nummer 24 nicht völlig überzeugen. Abgesehen von der tollen Pre-Credits-Sequenz, die den Höhepunkt des Films darstellt, gibt es wenig, was das Herz des Actionfreundes höher schlagen lässt. Zwar ist die Verfolgungsjagd mit den Autos routiniert inszeniert, wirkt aber erstaunlich bieder und vermittelt den Eindruck, als habe Mendes nicht gewusst, wie er die Handbremse löst. Und auch in puncto Bondgirls schwächelt Spectre. Monika Bellucci sieht für ihre 50 Lenze ziemlich alt aus (wenn auch nicht unattraktiv) und zu sagen, die blasse Léa Seydoux hätte keine Austrahlung, ist eine maßlose Untertreibung. Dass Bond sich in dieses unreife kleine Mädchen verlieben und wegen ihr seine Agententätigkeit an den Nagel hängen soll, ist die Krönung der an Absurditäten nicht armen Geschichte.

Gibt es auch Positives zu berichten? Durchaus: der neue Aston Martin DB10, der extra für den Film gebaut wurde, ist ein Hingucker, kommt aber leider nur zu einem kurzen Einsatz, es gibt ein paar schöne, wenn auch nicht übermäßig exotische Locations zu bewundern und die erste Film Hälfte ist dank eines gewohnt starken Daniel Craig ziemlich unterhaltsam geraten, bevor das Script dann im zweiten Teil ziemlich aus dem Ruder läuft. Und so ist Spectre zwar nicht völlig misslungen, zählt nach meinem Empfinden aber in jedem Fall zu den schwächeren Bonds.

Donnerstag, 25. Februar 2016

THE EQUALIZER (Antoine Fuqua, 2014)

I see a lot of widowed guys. Something in your eyes. You know, it’s not sad. It’s just kind of…lost, you know?

The Equalizer ist ein bis ins kleinste Detail durchgestylter typischer Fuqua-Film, der jedoch ungeachtet seiner zeitlichen Verortung in der Gegenwart unverkennbar den Geist der 80er Jahre atmet. Dies kommt nicht von ungefähr, handelt es sich doch um die Wiederbelebung der gleichnamigen Fernseh-Serie aus dieser Zeit, die mir allerdings gänzlich unbekannt ist. Entsprechend unvorbelastet konnte ich die Sichtung angehen.

Seit der frühere Agent Robert McCall seinen Tod durch eine Autobombe vorgetäuscht hat, lebt er ein unauffälliges Leben, das vom Tod seiner Frau geprägt ist. Emotionslos, beinahe wie eine Maschine, vollzieht er die immer gleichen Rituale, Tag für Tag. Abends besucht er regelmäßig ein Bistro, wo er die russische Nutte Teri kennenlernt, für die er so etwas wie väterliche Zuneigung entwickelt. Nachdem Teri von ihrem Zuhälter krankenhausreif geprügelt wurde, begibt er sich auf einen erbarmungslosen Rachefeldzug und legt sich ganz alleine mit der russischen Mafia an.

Zugegeben: das klingt jetzt nicht sonderlich originell und ist es auch nicht. Die Story könnte genauso gut aus einem 80er-Jahre-Actionreißer stammen, mit Charles Bronson, Steven Seagal oder Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle. Und auch die Kompromisslosigkeit, mit der Robert seine Mission durchzieht, sowie die brachiale Vorgehensweise erinnern an die Filme jener Zeit. Unter optischen Gesichtspunkten wähnt man sich hingegen sofort in einem Fuqua-Film. Statt dreckiger Hinterhöfe gibt es ausgesprochen schöne Hochglanzbilder zu sehen. Dabei ist The Equalizer erfrischend einfältig in der Schwarzweiß-Zeichnung seiner Figuren, die klischeehafter kaum sein könnten. Und der Protagonist ist ein wahrer Samariter, der sein Leben völlig selbstlos in den Dienst der Benachteiligten und Verbrechensopfer stellt. Eine Mutter Teresa mit Knarre sozusagen. Am Ende gibt er sogar über's Internet eine Anzeige auf und bietet sich der Online-Gemeinde als universeller Problemlöser an. Da könnte man glatt kotzen.

Dem Film schadet das aber gar nicht, denn dessen inhärente Logik funktioniert wunderbar, zumal der Fokus ohnehin auf den mitreißend inszenierten Actionszenen liegt, die zum Teil einfach mit Hingabe zelebrierte Hinrichtungen sind. Grandios zum Beispiel die Szene im Hinterzimmer eines Restaurants, in der Robert es mit gleich fünf Gangstern aufnimmt und die Abläufe vorher, auf die Sekunde getaktet, im Kopf durchgeht. Nicht unerwähnt bleiben darf der tolle Score des Briten Harry Gregson-Williams, der das Geschehen trefflich orchestriert. Und dass das simple Prinzip "ein Guter allein gegen das Böse" einen Film trägt, wurde in der Vergangenheit oft genug unter Beweis gestellt. The Equalizer bildet da keine Ausnahme und bietet zwei Stunden beste Unterhaltung.

Freitag, 19. Februar 2016

BLACK MASS (Scott Cooper, 2015)


Black Mass ist ein groß angelegtes Gangster-Epos, das die - zumindest im Kern wahre - Geschichte des Bostoner Kriminellen James Bulger erzählt, der erst im Jahr 2011 verhaftet wurde. Die Messlatte für derartige Geschichten legte Martin Scorsese anno 1990 mit seinem Meisterwerk Goodfellas ziemlich hoch. Da ist es keine Überraschung, dass Black Mass diese nicht erreicht.

Der Film beginnt mit den Anfängen der von Bulger geführten Bande Mitte der 70er Jahre und endet mit der Zerschlagung derselben. Bulgers Verhaftung wird nur kurz angedeutet. Um eine solch gewaltige Zeitspanne so abzudecken, dass der Zuschauer das Gefühl hat, er habe alles Entscheidende mitbekommen und alle relevanten Informationen erhalten, bedarf es schon außergewöhnlicher Fähigkeiten, über die Sott Cooper ganz offensichtlich nicht verfügt. Vielmehr hat man den Eindruck, einzelnen Episoden aus dem Leben des Gangsterbosses beizuwohnen, wobei dies bevorzugt Hinrichtungen von Personen sind, die sich ihm gegenüber ihm Ton vergriffen haben, ihn an ihrer Loyalität ihm gegenüber zweifeln ließen, geschäftlich im Weg sind oder ihm sonst irgendwie das Gefühl gegeben haben, eine Gefahr darzustellen. Wie Bulger sein kriminelles Imperium aufgezogen hat, womit er das Geld verdient, etc. kommt dabei etwas zu kurz.

Dies soll jedoch nicht heißen, dass Black Mass ein schlechter Film wäre - im Gegenteil: Seine Stärke ist eindeutig die detaillierte Charakterzeichnung seiner Figuren, und dies betrifft nicht nur Bulger selbst, sondern auch seine engsten Vertrauten und seine Verbündeten beim FBI. Die exzellente Besetzung bis in die Nebenrollen leistet dabei einen erheblichen Beitrag, aber auch Coopers offensichtliche Fähigkeit, das Maximale aus seinen Darstellern herauszuholen. Dass Johnny Depp eine erstklassige Leistung bieten würde, war im Vorfeld zu erwarten, und doch ist sein James Bulger ein derart bedrohlich wirkender Zeitgenosse, dass man als Zuschauer froh ist, ihm nicht begegnen zu müssen. Depp spielt das sehr zurückhaltend, ohne übertriebene Gesten oder irgendwelche zur Schau getragenen Manierismen. Und dennoch strahlt er in fast jeder Szene eine fast animalische Bedrohung aus. Beispielhaft sei die Sequenz genannt, in der er bei Connolly zu Hause zum Essen eingeladen ist. Connollys Frau mag ihn nicht und zieht sich unter dem Vorwand, sich nicht gut zu fühlen, auf ihr Zimmer zurück. Bulger kommt zu ihr, erkundigt sich süffisant nach ihrem Wohlergehen und tastet langsam ihr Gesicht und ihren Hals ab, nachdem sie ihm erklärt hat, sich krank zu fühlen. Dabei schafft er es, oberflächlich fast fürsorglich zu wirken und dennoch ist klar, dass es nur eines falschen Wortes oder einer unüberlegten Bewegung ihrerseits bedarf, um ihr Schicksal zu besiegeln.

Black Mass ist ein Film, bei dem in erster Linie die Darsteller glänzen. Ein paar Actionszenen gibt es zwar, auch eine Schießerei, doch wer hier ein Actionfeuerwerk erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Wer sich hingegen für traditionelles Darsteller-Kino mit detailliert porträtierten Charakteren begeistern kann, wird sicher auf seine Kosten kommen.

Donnerstag, 18. Februar 2016

THE MARTIAN (Ridley Scott, 2015)

I colonized Mars.

Scotts jüngster Film über den Astronauten Mark Watney, der von seinen Kollegen im Glauben, er sei tot, alleine auf dem Mars zurückgelassen wurde, bietet klassisches Erzählkino, das trotz des Themas erstaunlich bodenständig daherkommt. Der Vergleich mit Nolans Interstellar drängt sich angesichts des Themas natürlich auf. Wo jener einen visionären Ansatz verfolgt, konzentriert sich The Martian darauf, Watneys Rettung möglichst spannend zu erzählen. Im Ergebnis ist so ein einigermaßen (soweit ich das beurteilen kann) realistischer Film entstanden, abgesehen vielleicht von der finalen Rettungsaktion, die so sicherlich nicht möglich wäre. Ansonsten hat man aber nie das Gefühl, mit dem Drehbuchautor seien die Pferde durchgegangen. 

Dabei sind dennoch höchst beeindruckende Bilder entstanden, für die sich wieder einmal der Pole Dariusz Wolski verantwortlich zeigt, mit dem der britische Regisseur schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Die Außenaufnahmen für die Szenen auf dem Mars wurden im Wadi Rum in Jordanien gedreht, und es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass es auf dem Mars so ähnlich aussehen könnte. Die Inszenierung ist - wie von Scott gewohnt - routiniert und leistet sich keine Schwächen, die Musikauswahl hingegen etwas eigenwillig, wird aber damit schlüssig begründet, dass Watney ausschließlich die von seiner Kommandantin mitgebrachte Mucke zur Verfügung steht. Das Problem, über einen langen Zeitraum Watneys Isolation auf dem Mars zu zeigen, löste man elegant, indem man ihn ein Videotagebuch führen ließ, in dem er von seinen Aktivitäten berichtet. Das lockert das Ganze auf und vermeidet zudem zahlreiche Selbstgespräche des Protagonisten, die andernfalls als Erklärung für den Zuschauer erforderlich gewesen wären. In diesem Zusammenhang ist unbedingt auch Matt Damons Leistung hervorzuheben, der seine Rolle mit viel Witz und Sarkasmus interpretiert - sicherlich ein geeignetes Konzept um nicht zu verzweifeln, wenn man sich in einer derartigen Situation wiederfindet und daher keineswegs unpassend. Die übrigen Figuren entsprechen weitgehend den gängigen Klischees: die  Kommandantin, die sich Vorwürfe macht, weil sie einen ihrer Männer zurückgelassen hat, der Nerd, der die geniale Idee zur Rettung hat, der NASA-Direktor, der diese ablehnt, weil er nicht das Leben von fünf Menschen riskieren will, um ein einzelnes zu retten etc. Kennt man alles aus zahllosen anderen Filmen, stört aber nicht weiter, weil Menschen nun mal so sind. In der zweiten Filmhälfte kommen die Szenen auf dem Mars für meinen Geschmack etwas zu kurz, hier hätte ich gerne noch mehr über Watneys Reise zum Ares-IV-Landeplatz erfahren. Stattdessen dominieren Sequenzen auf der Erde, die zeigen, wie Watneys Rettung vonstatten geht.

The Martian ist ein nach den gängigen Formeln und zu weiten Teilen voraussehbarer, nichtsdestotrotz jedoch in hohem Maße spannender Science-Fiction-Film, der mit seiner interessanten Story, guten Darstellern und imposanten Bildern aufwarten kann.

Samstag, 13. Februar 2016

THE HATEFUL EIGHT (Quentin Tarantino, 2015)

That's the problem with old men: you can kick'em down the stairs and say it's an accident, but you can't just shoot'em. 

Na also, er kann's doch noch! Nachdem mich die beiden letzten Streifen des Meisters, Inglourious Basterds und Django unchained, ob ihrer deutlich erkennbaren Hinwendung zum Mainstream doch ziemlich enttäuscht hatten - wobei der große finanzielle Erfolg der Filme ihm letztlich irgendwo recht gegeben hat, besinnt er sich mit seinem neuesten Werk auf alte Stärken. Nicht nur der Cast erinnert an seinen genialen Erstling Reservoir Dogs, sind doch mit Tim Roth und Michael Madsen gleich zwei der "Hunde" vertreten, auch den Kammerspiel-Charakter hat The hateful Eight mit jenem gemein, auch wenn die ausgedehnte Eröffnungssequenz, in der eine Kutsche durch schneebedeckte Landschaften fährt, dies zunächst nicht vermuten lässt. Sind die "Acht" aber erstmal in der Hütte versammelt, entwickelt sich schnell ein dialoggetriebenes Kammerspiel, das wie eine Mischung aus Thriller, Western und dem klassischen "Who-dunnit"-Krimi anmutet, durchsetzt von einer kräftigen Prise derben Humors und einigen deftigen Splattereinlagen. 

Das Ganze ist natürlich in typischer Tarantino-Manier ungeheuer geschwätzig, doch im Gegensatz zu den überwiegend langweiligen Dialogen der beiden Vorgänger gestalten sich die Wortgefechte hier höchst unterhaltsam. Wobei Tim Roth interessanterweise den Christoph Waltz gibt und eine Rolle spielt, die den von dem Österreicher in den Vorgängern verkörperten Figuren sehr nahe kommt. Dabei kommt der Brite jedoch sympathischer rüber als sein Wiener Kollege und hat zudem nicht einmal ansatzweise soviel Screentime wie jener, sodass sein Auftritt deutlich weniger enervierend geraten ist. Michael Madsen spielt wieder die Rolle, die er in Tarantino-Filmen immer spielt und Samuel L. Jackson gibt einen richtigen Kotzbrocken, wobei generell zu sagen ist, dass sämtliche in der Hütte versammelte Charaktere durch und durch unsympathische Zeitgenossen sind - mit Ausnahme des Kutschers O.B. vielleicht, der aber nur wenige Szenen hat und dessen Charakter relativ blass bleibt. Einen kleinen Schwachpunkt bildet Jennifer Jason Leigh, deren Leistung nicht immer völlig überzeugend ist, doch fällt dies nicht weiter ins Gewicht.

Mit fortschreitender Spieldauer wird das Geschehen immer bizarrer und gleitend zunehmend ins Surreale ab. Stellenweise erinnert The hateful Eight eher an eine Theateraufführung als an einen Spielfilm, wobei ich dies keineswegs als negativ empfunden habe. Ein gutes Beispiel dafür ist die großartige "Tanz"-Szene zum Schluss - wer den Film gesehen hat, weiß was ich meine. Der Dynamik der Handlung kann man sich ohnehin nicht entziehen, und so vergehen die knapp drei Stunden wie im Flug. Mit einer Einordnung in Tarantinos Gesamtwerk bin ich nach nur einer Sichtung vorsichtig, aber soweit lege ich mich fest: The hateful Eight ist ein großartiger Film und der beste von Tarantino seit Kill Bill.

Montag, 1. Februar 2016

DEAD IN TOMBSTONE (Roel Reiné, 2013)

Mäßig amüsante DTV-Produktion mit recht ansprechender Darsteller-Riege. Danny Trejo ist in der Rolle des von den Toten zurückgekehrten Rächers Guerrero zu sehen, der einen Pakt mit dem Teufel schließt. Dieser gewährt ihm eine 24-stündige Rückkehr in sein früheres Leben, damit er die sechs ehemaligen Mitglieder seiner Räuberbande, die ihn verraten und getötet haben, zur Strecke bringen und ihre Seelen dem Beelzebub (ein unglaublich schmieriger und aufgequollener Mickey Rourke) zuführen kann. Gelingt ihm dies innerhalb dieser Zeitspanne, darf er weiter unter den Lebenden weilen. Andernfalls erwartet ihn die ewige Verdammnis.

Der Niederländer Roel Reiné, dessen wenig imposante Filmografie Hits wie The Scorpion King 3 oder Death Race 2 aufweist, scheint ein großer Fan von Robert Rodriguez zu sein, dessen Stil er zu kopieren versucht - natürlich ohne das Gefühl für Bildkompositionen, wie es der texanisch-mexikanische Regisseur unzweifelhaft besitzt. Dies äußert sich u. a. in zahlreichen Jumpcuts in Verbindung mit ausgedehnten Zeitlupenstudien, die bei jeder möglichen oder unmöglichen Gelegenheit eingesetzt werden. So zum Beispiel in einer Szene, in der Danny Trejo den Saloon betritt, auf den Barkeeper zugeht und einen Whiskey bestellt. Reiné zieht das ewig in die Länge, lässt die sporenbewehrten Stiefel bedeutungsschwanger auf die Holzdiehlen knallen, begleitet vom ängstlich-ehrfürchtigen Blick des Mannes hinter der Theke. Die Szene ist völlig belanglos und wird durch die langatmige und umständliche Inszenierung künstlich mit Bedeutung aufgeladen. Vergleichbare Szenen gibt es mehrere, so dass Dead in Tombstone stellenweise wie Desperado für Arme wirkt.

Die Geschichte selbst gibt auch nicht viel her und bietet Altbekanntes leicht variiert. Von den unnötigen Spielereien abgesehen, ist die Inszenierung aber zumindest solide, insbesondere die Schießereien sind ganz gut gemacht. Und die einmaligen Hackfressen von Trejo und Rourke verleihen den Hauptfiguren zumindest einen starken Wiedererkennungswert. Auch Anthony Michael Hall macht seine Sache als Trejos Gegenpart ordentlich. Für das optische Highlight sorgt die äußerst attraktive Dina Meyer, die mir schon anno 1997 bei Starship Troopers ausgesprochen gut gefallen hat, und inzwischen deutlich gereift ist. Und so kann Dead in Tombstone unter dem Strich trotz zahlreicher Schwächen leidlich unterhalten - in die Filmgeschichte wird er ganz sicher nicht eingehen. Kann man sich schon mal anschauen, man kann es genauso gut aber auch sein lassen. 

Sonntag, 31. Januar 2016

SINISTER (Scott Derrickson , 2012)

I'll make you famous again.

Bei Sinister handelt es sich um einen im besten Sinne des Wortes klassischen Horrorfilm, der ganz ohne die in den letzten Jahren in Mode gekommenen optischen Spielereien auskommt. Die Story klingt im ersten Moment nicht sonderlich aufregend: Der finanziell abgebrannte Schriftsteller Ellison (Ethan Hawke), dessen letzter großer Erfolg zehn Jahre zurückliegt, zieht mit seiner Familie in ein leer stehendes Haus, in dem zuvor die dort lebende Familie an einem Baum im Garten aufgehängt worden war. Er will den Fall, der nie aufgeklärt wurde, recherchieren, um darüber ein Buch zu schreiben in der Hoffnung, wieder in die Erfolgsspur zurückzufinden und einen weiteren Bestseller zu landen. Kommt einem alles bekannt vor. Doch schon die erste Szene macht neugierig, in der die Hinrichtung der ehemaligen Bewohner als verrauschter und verwackelter Super-8-Film gezeigt wird. Und spätestens nachdem Ellison auf dem Dachboden auf eine Kiste mit weiteren Super-8-Filmen stößt, die harmlose Beschriftungen wie "Pool-Party" oder "BBQ" tragen und von denen jeder eine weitere ziemlich kranke Hinrichtung zeigt, war mein Interesse geweckt. Ritualisierte Morde haben mich seit jeher fasziniert.

Die Ausgangslage war also schon mal vielversprechend, doch auch darüber hinaus macht Sinister (fast) alles richtig. Es wird wenig Konkretes gezeigt, dafür umso mehr auf den Aufbau einer sich kontinuierlich steigernden Spannung gesetzt. Eine unheilvolle Stimmung, die sich immer mehr verdichtet und das Gefühl einer permanenten Bedrohung, die immer vage bleibt und sich nicht greifen lässt. Das Sounddesign ist ganz hervorragend und trägt einen erheblichen Teil dazu bei, dass der Stimmungsaufbau so gut gelingt. Hin und wieder gibt es einen gut sitzenden Schockeffekt, doch auch diese werden so dosiert eingesetzt, dass keine Abnutzungserscheinungen auftreten. Darüber hinaus kann der Film auch mit guten Dialogen und souveränen Darstellern punkten. Vor allem aber hat mich die Konsequenz überzeugt, mit der Derrickson das Konzept bis zum bitteren Ende durchzieht. Spätestens hier versagt ein Großteil der Horrorfilme, die ihre eigentlich interessante Prämisse irgendwann aufgeben. Nicht so Sinister. Unbarmherzig steuert die Handlung auf die Katastrophe zu. Es gibt keine Erlösung. Besonders perfide dabei ist, dass Ellison im Gegensatz zu den meisten Protagonisten in vergleichbaren Filmen irgendwann die Gefahr erkennt, der er seine Familie ausgesetzt hat und bereit ist, alle seine Ziele aufzugeben, um seine Familie in Sicherheit zu bringen. Hals über Kopf verlassen sie mitten in der Nacht das Haus, um zurück in ihre alte Heimat zu fahren, nicht ahnend, dass gerade dieser Schritt ihr Schicksal besiegelt. Das Heft des Handelns hatte Ellison in Wahrheit nie in der Hand. Die der Geschichte immanenten Regeln können nicht gebrochen werden, und so nehmen die Dinge unaufhaltsam ihren Lauf.

Seit vielen Jahren hat mich kein klassischer Horrorfilm so beeindruckt wie Sinister. Und ein Stück weit hat er mir sogar Angst gemacht oder zumindest ein mulmiges Gefühl beschert. Mehr kann man von seinem guten Horrorfilm nicht verlangen.

Donnerstag, 28. Januar 2016

SHARKNADO (Anthony C. Ferrante, 2013)

Apocalypse, my ass!

So, nun habe ich dieses Wunderwerk der Filmkunst auch mal gesehen, nachdem ich schon so viel darüber gehört hatte. Alleine die Idee, Los Angeles von einem Tornado heimsuchen zu lassen, der tausende blutrünstiger Haien durch die Luft wirbelt und in alle nur denkbaren Winkel katapultiert, ist so bekloppt, dass man sich das eigentlich nicht entgehen lassen darf. Die Umsetzung ist natürlich äußerst bescheiden. Würde man Sharknado nach objektiven Kriterien beurteilen, müsste man zwangsläufig zu einem schwachen Ergebnis kommen. Die Story als hanebüchen zu bezeichnen, ist schon stark untertrieben, die Darsteller sind durch die Bank unterirdisch schlecht, die Effekte schwanken zwischen gerade noch akzeptabel und lächerlich, wobei die zweitgenannte Kategorie diejenige ist, die in 90 % zur Anwendung käme, einen vernünftigen Plot gibt es nicht, die Inszenierung ist holprig wie eine Buckelpiste und die Dialoge klingen größtenteils so, als hätte ein Zwölfjähriger sie geschrieben.

Und dennoch: einen gewissen Unterhaltungswert kann man dem Machwerk keineswegs absprechen. Ich würde sogar soweit gehen, insbesondere die zweite Hälfte als höchst unterhaltsam zu bezeichnen, denn Sharknado ist einfach ein großer Spaß. Nicht umsonst handelt es sich um den bis dato erfolgreichsten Film der berüchtigten Asylum-Studios und zog immerhin zwei Fortsetzungen nach sich. Vermutlich ist es hilfreich, wenn man vor der Sichtung eine halbe Kiste Bier trinkt oder sich durch andere geeignete Substanzen in Stimmung bringt, aber auch nüchtern hatte ich mit dem Streifen eine Menge Spaß. Dies ist vor allem auf den schier endlosen Einfallsreichtum seiner Macher zurückzuführen, die ein ganzes Füllhorn an bekloppten Ideen über den Zuschauer ausschütten und ihn aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lassen. Haie, die vom Sturm getragen auf Hausdächern landen, gehören dabei noch zu den harmlosen Sachen. Es gibt Haie, die aus Gullideckeln kommen, einen Hai, der von unten an die Stufen einer Hängeleiter springt und sich dort festbeißt oder ein knapp bekleidetes Mädel, das aus einem fliegenden Hubschrauber stürzt und im freien Fall von einem Hai verschlungen wird. Der heilige Ernst, mit dem die talentfreien Darsteller bei der Sache sind, ist herrlich. Höhepunkt ist dann eine Szene, in der der Held mitsamt seiner Motorsäge von einem Hai verschluckt wird und sich dann mit der Säge aus dem Magen des Tiers blutreich zurück ins Freie kämpft. Und als wäre das nicht schon lächerlich genug, greift er nochmal kurz durch die frisch geschnittene Öffnung und zaubert die zehn Minuten vorher verschlungene Dame hervor, die dann mal eben durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebt wird. Spätestens hier lag ich vor Lachen fast auf dem Boden, und es gibt weiß Gott nicht viele Filme, die das schaffen. Alleine dafür gebührt Sharknado - aller offensichtlichen Mängel zum Trotz - ein Platz in meiner persönlichen Ruhmeshalde der Trash-Filme. Sollte man wirklich mal gesehen haben.

Mittwoch, 27. Januar 2016

LÅT DEN RÄTTE KOMMA IN (Tomas Alfredson, 2008)

Låt den rätte komma in, der in Deutschland unter dem seltsamen Titel So finster die Nacht veröffentlicht wurde, wollte ich schon seit Jahren immer mal sehen. Nun habe ich das endlich nachgeholt und bin ziemlich begeistert. Kürzlich habe ich mich nach der Sichtung von It follows noch über Mittelmäßigkeit der aktuellen Beiträge zum Genre des Horrorfilms ausgelassen, da zeigt Alfredson mit seinem vierten Spielfilm, dass es auch ganz anders geht. Wobei ich mich schwer tue, Låt den rätte komma in als Horrorfilm zu bezeichnen. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Außenseiter: der introvertierte Oskar, der von seinen Schulkameraden gehänselt wird, keine Freunde hat und alleine mit seiner Mutter in einer tristen Mietwohnung haust und der weibliche Vampir Eli, der im Körper einer Zwölfjährigen gefangen und gezwungen ist, sich von menschlichem Blut zu ernähren, obwohl er dies eigentlich verabscheut. Alfredson machte daraus eine faszinierende Geschichte über zwei Seelenverwandte, die außerhalb der Gesellschaft stehen und sich stark zueinander hingezogen fühlen. Der Erzählstil des Schweden ist trocken und schmucklos, nordisch unterkühlt und wirkt stellenweise fast etwas lethargisch. Schon die ersten Einstellungen, die von zahlreichen Close-Ups geprägt sind, vermitteln ein Gefühl der Enge, des Bedrängtseins. Man fühlt sich als Zuschauer irgendwie unfrei und eingesperrt - gefangen in dieser merkwürdigen schneeweißen und dennoch trostlosen Welt, in der nur selten die Sonne scheint.

Die beiden Hauptdarsteller sind einfach großartig, wobei die beim Dreh tatsächlich erst zwölfjährige Lina Leandersson ihren gleichaltrigen männlichen Gegenpart noch übertrifft. Die beiden muss man einfach gerne haben, und man nimmt Eli das Unbehagen durchaus ab, das ihr das Töten eines Menschen zwecks Nahrungsbeschaffung bereitet. Eine große Stärke des Films ist die Tatsache, dass kaum etwas erklärt wird. Anfangs hatte ich erwartet (und ein Stück weit auch gehofft), dass Elis Vergangenheit näher beleuchtet wird, dass aufgelöst wird, wie sie zum Vampir wurde und warum der merkwürdige Geselle ihr geholfen hat, Blut zu besorgen. Glücklicherweise bleibt dies alles im Dunkeln, was die Figur der Vampirin Eli umso rätselhafter wirken lässt. Letzten Endes erfährt man so gut wie nichts über sie.

Die Idee von einer Beziehung zwischen einem Menschen und einem weiblichen Vampir ist natürlich nicht neu, man muss dabei unwillkürlich an Bigelows Near Dark denken, wobei der das Thema natürlich ganz anders anpackt. Und doch ist Låt den rätte komma in ein erfrischend anderer Film, der mich von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt hat. Toll!

Freitag, 22. Januar 2016

BONE TOMAHAWK (S. Craig Zahler, 2015)

Ein feiner Genre-Bastard ist das, mit dem der Regisseur aus Florida da seinen Einstand gibt, und ein äußerst blutiger dazu. Was anfängt wie einer der in den letzten Jahren wieder zahlreich produzierten Western, nachdem das Genre jahrelang brach gelegen hatte, erweist sich als gelungene Mischung aus eben jenem und dem Kannibalen-Horror der 70er Jahre. Texas Chainsaw Massacre im Wilden Westen sozusagen. Die Rolle der kannibalistischen Familie nimmt dabei eine Gruppe degenerierten Indianer ein, die fernab der Zivilisation und von anderen Stämmen gemieden in einem Höhlensystem hausen. Bei einem ihrer nächtlichen Ausflüge in die Umgebung entführen Sie die Gattin des aufgrund einer schweren Beinverletzung gehbehinderten Viehhirten Arthur nebst einem der Hilfs-Sheriffs, um sie früher oder später genüsslich zu verspeisen. Arthur begibt sich flugs mit dem alten Sheriff Franklin (Kurt Russell), dem noch älteren Ersatz-Hilfssheriff Chicory sowie dem Indianerhasser John Brooder auf Rettungsmission.

Anhand der kurzen Inhaltsangabe merkt man schon, dass es dem Multitalent Zahler, der seine Brötchen bisher als Autor, Musiker und Kameramann verdient hat, nicht um das Erzählen einer cleveren Geschichte geht. Während des langen Ritts zu den Kannibalen, den die Männer irgendwann zu Fuß fortsetzen müssen, nachdem ihnen die Pferde gestohlen wurden, wird langsam Spannung aufgebaut. Die Situation spitzt sich für die Verfolger immer mehr zu und auch untereinander kommt es zu Streitigkeiten. Seinen Reiz bezieht der Film vor allem durch die Gruppenkonstellation. Vier sehr unterschiedliche und zudem gut ausgearbeitete Charaktere reiten (später: gehen) unter widrigen Umständen durch unbekanntes Terrain und wissen nicht, was sie am Ende der Reise erwartet. Dabei kommt es fast zwangsläufig zu Spannungen, die sich immer wieder in Wortgefechten entladen, ohne dass es zur letzten Eskalation kommt. Die Dialoge sind gut gelungen und zum Teil auch recht witzig. Beispielhaft sei die Szene genannte, in der Brooder die gewagte These aufstellt, er sei der Intelligenteste der Gruppe. Als die anderen das in Zweifel ziehen, belegt er die Aussage damit, dass außer ihm alle anderen verheiratet sind oder waren (Chicory ist Witwer) und schließt mit der Äußerung: Smart men don't get married. Solch entwaffnender Logik haben die anderen nichts entgegenzusetzen.

Obwohl die großen Überraschungen ausbleiben, ist der Fortgang der Handlung nur schwer vorauszusehen. Der Showdown fällt dann recht drastisch aus. In einer ziemlich abstoßenden Szene wird einer der Gefangenen wie ein Schwein geschlachtet und anschließend fachmännisch zerlegt. Und bei den Kämpfen mit den Steinzeit-Indianern müssen auch verschiedene Gliedmaßen dran glauben. Zartbesaitete Gemüter sind hier eindeutig fehl am Platz.

Bone Tomahawk hat mir richtig Spaß gemacht. Die Einbettung des Kannibalismus-Themas in eine klassische Westernhandlung fand ich erfrischend. Die Story strotzt zwar vor Ungereimtheiten und hat weder Hand noch Fuß, doch stört das kein bisschen. Zahler entfaltet die Erzählung mit stoischer Ruhe und unbarmherziger Zielstrebigkeit. Und Kurt Russell sprüht nur so vor Spielfreude und hat sichtlich Spaß an seiner knurrigen Rolle. Ein viel versprechendes Regiedebüt.

Donnerstag, 21. Januar 2016

45 YEARS (Andrew Haigh, 2015)

It's funny how you forget the things in life that make you happy.

Geoffrey und Kate sind seit 45 Jahren verheiratet. Da sie ihren 40. Hochzeitstag wegen Geoffreys Bypass-Operation damals nicht feiern konnten, wollen sie das an ihrem 45. nachholen. Geplant ist eine große Feier in edlem und geschichtsträchtigem Ambiente. Wenige Tage vorher erhält Geoffrey einen Brief aus der Schweiz, der auf deutsch verfasst ist und durch den er erfährt, dass die Leiche seiner vor 50 Jahren tödlich verunglückten damaligen Freundin Tanya, die bei einer Wandertour in den Schweizer Alpen in einen Gletscher gestürzt ist, gefunden wurde. Nach Lektüre des Briefs eröffnet er seiner erstaunten Frau, dass die Behörden dort ihn als Tanyas nächsten Angehörigen betrachten, da die beiden damals vorgaben, verheiratet zu sein. Kate ist zwar erstaunt über diese Enthüllung, geht aber zunächst souverän damit um. Doch als sie merkt, dass Geoffrey die Sache mehr beschäftigt als er zugeben mag, keimen langsam Zweifel in ihr auf und sie fragt sich, wie gut sie ihren Mann nach 45 Jahren Gemeinsamkeit kennt.

Die Geschichte, die 45 Years erzählt, ist an sich undramatisch. Wer am Ende die große Zuspitzung oder spektakuläre Enthüllungen erwartet, wird enttäuscht. Umso faszinierender ist aber das psychologische Spiel, das sich zwischen beiden entfaltet. Kate beginnt, Geoffrey hinterher zu spionieren. Nachdem sie gemerkt hat, dass er nachts heimlich auf dem Dachboden nach alten Fotos von Tanya sucht, nutzt sie seine Abwesenheit, um seine Sachen zu durchsuchen. Dabei macht sie eine überraschende Entdeckung, die ihre Zweifel und ihre Unsicherheit noch weiter verstärken. Was genau Geoffrey umtreibt, erfährt der Zuschauer nicht. Ob es einfach nur die Erinnerungen sind, die in ihm hochkommen oder ob da noch mehr dahinter steckt, bleibt im Unklaren. Doch macht gerade dies den großen Reiz der Geschichte aus. Egal wie lange und wie gut man jemanden zu kennen glaubt: ein Stück weit bleibt der Andere doch ein Fremder.

Die größte Schau bei 45 Years sind natürlich die zwei Hauptdarsteller, Charlotte Rampling und Tom Courtenay. Ihr nuanciertes Spiel gewährt dem Zuschauer einen Einblick in ihr Seelenleben, lässt dabei immer noch genug im Verborgenen. Man kann beide verstehen, ohne sich auf eine Seite ziehen zu lassen. Am Ende hält Geoffrey auf der Feier eine bewegende Rede, die so wirkt, als seien ihm die Worte tatsächlich erst während des Sprechens eingefallen. Dadurch wirkt sie verblüffend ehrlich und echt. Und selbst hier gelingt es dem Film, jeden Anflug von Pathos oder Kitsch zu vermeiden. Obwohl Kate durch die Rede ein Stück weit versöhnt zu sein scheint, merkt man ihr die Verletzung immer noch deutlich an. Man weiß, es wird zwischen den Beiden nie mehr so sein, wie es vorher war. 45 Years ist bewegendes, ehrliches Gefühlskino, wie man es in dieser Qualität und Reinheit nur selten findet.


Freitag, 15. Januar 2016

A FAREWELL TO ARMS (Frank Borzage, 1932)

Bei der Verfilmung des berühmten Hemingway-Romans, in dem der amerikanischen Autor seine persönlichen Erfahrungen im Sanitätsdienst der italienischen Armee verarbeitete, standen die Macher vor der schwierigen Aufgabe, die komplexe Geschichte in einen 90-minütigen Film zu packen. Dazu wurde der Inhalt auf die Beziehung zwischen dem amerikanischen Sanitätsoffizier in Diensten der italienischen Armee, Frederic, und der britischen Krankenschwester Catherine eingedampft. Der erste Weltkrieg dient zwar als Hintergrund, doch gerade die bei Hemingway so gelungene Mischung aus Kriegsdrama und Romanze wird hier zulasten einer romantischen Schnulze aufgegeben. Die zum Teil schwülstigen Dialoge tun das ihrige und machen A Farewell to Arms zu einem stellenweise recht zähen Stück Zelluloid. Auch darstellerisch ist das alles andere als herausragend. So fällt es schwer, Gary Cooper die Rolle des Sanitäters abzunehmen, der der Krankenschwester, verkörpert durch die spröde Helen Hayes, auf Gedeih und Verderb verfällt und aus Sorge um sie sogar von der Truppe desertiert. Dies markiert auch einen wesentlichen Unterschied zur literarischen Vorlage, die ich erst vor wenigen Monaten gelesen habe. Dort sind es unglückliche Umstände, die Frederic zum anfangs eher unfreiwilligen Deserteur machen, dem dann, nachdem die italienische Armee ihn als solchen gebrandmarkt hat, nichts anderes übrig bleibt als die Flucht nach vorne anzutreten. Im Film hingegen verlässt er die Truppe, weil er keine Post von seiner Geliebten erhält, da diese von seinem besten Freund aus fehlgeleitetem Beschützerinstinkt abgefangen und zurückgesandt wurde.

Der pflichtbewusste Soldat der Romanvorlage, der von persönlichen Rückschlägen wie Verletzungen, ausbleibenden militärischen Erfolgen und der sinkenden Moral der Truppe allmählich zermürbt wird, wird durch einen liebestollen Deppen ersetzt, der am liebsten jede freie Minute mit seiner Angebeteten verbringen möchte. Darüber hinaus bleibt Frederics Charakter im Film erstaunlich blass. Im Grunde genommen erfährt man gar nichts über ihn, außer dass er eine Vorliebe für Alkohol hat. Befremdlich auch, dass er trotz mehrerer Standortwechsel immer von denselben Personen umgeben zu sein scheint, die aus unerfindlichen Gründen stets dort auftauchen, wo er auch ist.

Eine positive Erwähnung verdient die gute Kameraarbeit von Charles Lang. Die stimmungsvoll ausgeleuchteten Schwarzweiß-Bilder wissen zu gefallen. Besonders schön ist die Szene im Verhau eingefangen, in dem mehrere Soldaten eine Mahlzeit einnehmen, während um sie herum die Mörsergeschosse einschlagen. Und die längere Einstellung aus der Ich-Perspektive im Lazarett ist für die damalige Zeit zumindest ungewöhnlich. Dies kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass A Farewell to Arms letztlich ein belangloser Film ist, der zwar mäßig unterhält, seiner literarischen Vorlage jedoch in keiner Weise gerecht wird. Da ist es wenig verwunderlich, dass Hemingway sich von dem Ergebnis wenig begeistert zeigte.

THE FOUR FEATHERS (Zoltan Korda, 1939)

I am a coward, Doctor.

Kordas Verfilmung des gleichnamigen Romans von  A. E. W. Mason war bereits die vierte Umsetzung des Stoffes in bewegte Bilder. Seither sind noch drei weitere dazugekommen, die letzte datiert aus dem Jahr 2002 mit Heath Ledger in der Hauptrolle. Da ich keine der anderen Versionen kenne, stand einem unbelasteten Sehvergnügen nichts im Wege. Und ein Vergnügen war es tatsächlich. In schönstem Technicolor entfaltet der ungarische Regisseur die Geschichte um die Soldatenehre und männliche Tugenden. Geprägt durch die heroischen Erzählungen der Kriegskameraden seines Vaters wird dem jungen Harry von Kind auf eingetrichtert, dass Feigheit vor dem Feind ein unverzeihliches Vergehen ist. Dennoch kneift er als er erfährt, dass seine Kompanie am nächsten Tag in Richtung Ägypten ausrücken soll und reicht seinen Rücktritt ein. Dies bringt ihm nicht nur die tiefe Verachtung seiner drei engsten Freunde und Kameraden ein, die ihm jeweils eine weiße Feder zukommen lassen, sondern zu seiner Überraschung auch die seiner Verlobten, die sich ebenfalls von ihm abwendet. Harry erkennt, dass er einen schweren Fehler begangen hat und beschließt, sich als Einheimischer getarnt auf eigene Faust nach Ägypten aufzumachen, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen und seinen Freunden die weißen Federn zurückzugeben.

The Four Feathers bietet prachtvolles Ausstattungskino in seiner besten Form. Es gibt große Schlachten und Massenszenen mit hunderten von Statisten, Kamelen und Pferden. Gedreht wurde an Originalschauplätzen, was eine ganze Reihe beeindruckender Landschaftsaufnahmen zur Folge hat. Filme mit Bezug zur Kolonialzeit haben mich seit jeher begeistert und auch The Four Feathers bildet keine Ausnahme.

Etwas erstaunlich aus heutiger Sicht ist, dass die dem Film zugrundeliegende Geschichte die Menschen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts anscheinend so fasziniert hat, dass sie in diesem Zeitraum auf eine rekordverdächtige Anzahl von vier Verfilmungen kommt. Mir ist jedenfalls keine andere Vorlage bekannt, die es auf derart viele Umsetzungen bereits vor dem 2. Weltkrieg gebracht hat. Das Leben damals - zwischen den beiden großen Kriegen - war natürlich weitaus stärker vom Militär geprägt als das heute der Fall ist. Das gilt umso mehr für das 19. Jahrhundert, in dem die Handlung angesiedelt ist. Die gesellschaftliche Ächtung eines Soldaten, der einer kriegerischen Auseinandersetzung aus dem Weg geht, ist heutzutage undenkbar, wo es längst Usus ist, vor Problemen wegzulaufen statt sich ihnen zu stellen oder aber nach fremder Hilfe zu rufen - gerade zigtausendfach in den Krisengebieten der Welt zu beobachten. Harry hingegen setzt alles aufs Spiel, um sich zu rehabilitieren. Dafür scheut er weder Hunger noch Durst oder körperliche Schmerzen. Sein stolzer Blick, als der arabische Arzt ihn für seinen Mut lobt, nachdem er sich von diesem das Brandmal auf die Stirn hat setzen lassen, um als einheimischer Sangali durchzugehen, sagt alles.

Während seiner abenteuerlichen Reise entwickelt er beinahe übermenschliche Fähigkeiten. Alles scheint ihm zu gelingen. Und so wird am Ende aus dem feigen Drückeberger der allseits umjubelte Held, der seinen drei Freunden das Leben rettet und auch das Herz seiner Verlobten wiedergewinnen kann. Und ganz nebenbei kann er auch die Heldengeschichte seines angehenden Schwiegervaters, die dieser bei jeder Gelegenheit zum besten gibt, als maßlose Übertreibung entlarven. Ein Sieg auf der ganzen Linie also.

Dienstag, 12. Januar 2016

JERSEY BOYS (Clint Eastwood, 2014)

Routiniert gefertigtes Biopic von der Stange ohne besondere Stärken oder Schwächen. Eastwoods Alterswerk, wenn ich es mal so nennen darf, ist ja von beachtlicher Qualität. Zwischen einigen wirklich herausragenden Filmen finden sich dabei auch regelmäßig Arbeiten, bei denen mir zuallererst das Wort "routiniert" in den Sinn kommt. Jersey Boys ist so ein Beispiel dafür. Es gibt wenig, was man dem Film vorwerfen kann. Die Inszenierung ist schnörkellos und gefällig, die Sets sind gelungen, die Atmosphäre der jeweiligen Dekaden wurde gekonnt eingefangen. Der Score besteht natürlich zu einem Großteil aus Songs der Four Seasons. Darstellerisch wird Solides geboten,  wobei Christopher Walken ein paar Akzente setzen kann.

Seine stärksten Momente hat Jersey Boys gleich zu Beginn, wenn die Anfänge der Four Seasons gezeigt werden, wobei die Band zunächst unter anderen Namen auftrat. Wie sich der Herumtreiber und Kleinganove Tommy mit Einbrüchen und Diebstählen über Wasser hält und dabei seinen jüngeren Freund Frankie, der ihn immer eine Art älterer Bruder sieht, in die Bredouille bringt - sehr zum Missfallen von dessen Eltern. Gelegentliche Knastaufenthalte gehören beinahe zum guten Tom im Viertel, wobei Frankie dank seines jugendlichen Alters und teils auch glücklicher Fügung davon verschont bleibt. Beide unterhalten zudem ein gutes Verhältnis zum örtlichen Paten Gyp, der von Christopher Walken als liebenswürdiger älterer Herr porträtiert wird und insbesondere Frankie in sein Herz geschlossen hat. Die Ereignisse werden als lose Sammlung in einer heiteren und beschwingten Stimmung erzählt, die die anfängliche Orientierungslosigkeit der jungen Männer - sowohl was die musikalische Ausrichtung als auch den eigenen Lebensentwurf angeht - trefflich einfängt. Im weiteren Verlauf zeigt sich,  dass der draufgängerische Tommy diese Phase im Grunde genommen nie hinter sich lassen konnte.

Leider kann Jersey Boys dieses Niveau nicht über die gesamte Spielzeit halten. Die weitere Entwicklung der Band wird in episodenhafter Erzählweise abgehandelt. Mit dem Älterwerden der Bandmitglieder werden auch die Probleme größer. Einige davon werden kurz angerissen und treten relativ schnell wieder in den Hintergrund. Die Auswahl wirkt willkürlich und folgt keinem klaren Muster. Selbst Frankies Ehekrise, der Trinksucht seiner Frau und der daraus und aus seiner häufigen Abwesenheit resultierenden problematischen Beziehung zu seiner Tochter Francine wird nur wenig Platz eingeräumt. Dramatischer Höhepunkt ist dann später Francines Drogentod, doch auch der wird in wenigen Szenen abgefrühstückt gemäß dem Motto: The show must go on. Diese Vorgehensweise ist sicherlich auch der beachtlichern Zeitspanne geschuldet, die der Film umfasst, von den Anfängen in den 50er Jahren bis hin zum letzten Auftritt der Band im Jahr 1990 anlässlich der Aufnahme in die Hall of Fame. Eastwood zeichnet zwar ein umfassendes Bild, doch bleiben viele interessante Details auf der Strecke. Und so ist Jersey Boys am Ende nicht mehr als ein routiniert heruntergedrehter Film, dem das emotionale Zentrum abgeht. Ich scheue die Verwendung des Begriffes "seelenlos", doch konnte ich für keinen der Protagonisten echte Empathie empfinden. Wenn Eastwood für das Projekt ein leidenschaftliches Interesse verspürt haben sollte, merkt man das dem fertigen Produkt nicht an. Vielleicht liegt es daran, dass sein Herz doch mehr für den Jazz schlägt. Sehenswert ist Jersey Boys aufgrund seiner eingangs erwähnten Qualitäten natürlich trotzdem, wie nahezu alles, was Eastwood in den letzten 45 Jahren gemacht hat.

Freitag, 8. Januar 2016

IT FOLLOWS (David Robert Mitchell, 2014)

Ich schaue ja nur noch ganz selten Horrorfilme, obwohl ich das Genre grundsätzlich sehr gerne mag. Der Grund liegt in der schwachen Qualität der meisten Vertreter und ihrer Vorhersehbarkeit. Und wenn dann doch mal ein Film vielversprechend beginnt oder eine spannende Idee präsentiert, geht ihm häufig irgendwann die Puste aus. Genau so ein Vertreter ist It follows auch. Die Grundidee ist durchaus originell, nämlich dass man von einem Wesen mit Tötungsabsicht verfolgt wird und sich dieses Fluchs nur durch "Weitergabe" mittels Geschlechtsverkehr entledigen kann. Jedoch nur solange der Träger am Leben ist. Nach dessen Tod kehrt das Wesen automatisch zum Vorbesitzer zurück. Es genügt also nicht, mit irgendjemand Sex zu haben, sondern es sollte auch jemand sein, der sich möglichst lange gegen das Wesen verteidigen oder aber den Fluch seinerseits weitergeben kann.

Die infizierte Jay kann gleich auf zwei Helden zurückgreifen, die ihr Hilfe anbieten: der draufgängerische Greg und ihr alter Jugendfreund, der schüchterne Paul, mit dem sie auch den ersten Kuss teilte. Gemäß den Genre-Regeln, dass die Protagonistin immer die falsche Entscheidung trifft, entscheidet sie sich zuerst für Greg. Dem Zuschauer ist natürlich sofort klar, dass das nicht gutgehen kann, da Greg nicht an das Wesen glaubt und daher nicht die nötige Vorsicht walten lässt. Dadurch ist er ein leichtes Opfer. Nur Jay erkennt das nicht. Im Gegensatz dazu glaubt Paul an die Existenz des Wesens, da er bei einem Gerangel von ihm verletzt wurde. Der fährt dann auch prompt auf den Autostrich, um eine Nutte zu infizieren und dadurch Zeit zu gewinnen. Das klingt jetzt alles nicht sonderlich spannend, und spannend ist It follows tatsächlich nur zu Beginn. Die ersten zwei oder drei Begegnungen mit der Kreatur haben noch etwas Unheimliches, doch der Effekt nutzt sich schnell ab. Spätestens nach der halben Spielzeit fällt den Machern dann nichts mehr ein und die Szenarios wiederholen sich. Zudem ändert sich das Aussehen des Wesens ständig, was seine Wirkung zusätzlich schmälert. Wenn man darin eine tiefere Bedeutung suchen möchte, kann man das Ändern des Aussehens natürlich auch als Sinnbild für die verschiedenen Ängste Jays lesen, wie beispielsweise Angst vor dem Vater. Muss man aber nicht. Nach einer Stunde war ich dann so gelangweilt, dass ich am liebsten ausgeschaltet hätte, aber die Hoffnung auf einen gelungenen Plottwist oder zumindest eine originelle Idee ließ mich durchhalten. Doch die Hoffnung war vergebens. Irgendwann war der Film aus, ohne dass noch etwas Aufregendes passiert wäre. Schlimmer noch: Jay und ihre Freunde beschließen, das Wesen in eine Falle zu locken, um es zu töten. Die Vorgehensweise dabei ist schon recht bizarr und erinnert eher an die Planung von Grundschulkindern als die erwachsener Menschen.

Letztlich schade um die gute Idee, aber unter dem Strich ist It follows nur ein weiteres belangloses Horrorfilmchen, das allenfalls für ein oder zwei gelungene Schockeffekte gut ist. Für einen 100-minütigen Film ist das arg wenig.

Jahresrückblick 2015

Mein Jahresrückblick fällt recht kurz aus, da die Zahl der gesichteten Filme sich bescheiden ausnimmt. Immerhin kann ich eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr vermelden. Kam ich 2014 auf etwa 70 Filme, waren es in den letzten zwölf Monaten immerhin knapp 90. Da ich nur selten ins Kino gehe (2015 viermal) und Filme meist auf Bluray sichte, habe ich im vergangenen Jahr auch viele Filme aus 2014 gesehen, die erst später veröffentlicht wurden. Filme nach Punkten oder Noten zu beurteilen, habe ich mir schon vor vielen Jahren abgewöhnt. Daher gibt es weiter unten nur eine Übersicht der in den letzten zwölf Monaten gesichteten Filme der Jahre 2014/2015, grob unterteilt in vier Kategorien. Die meisten davon haben mein Wohlgefallen gefunden, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass ich Genres, die mir nicht liegen (klassische Komödien, Comic-Verfilmungen, etc.), meist komplett meide. Doch auch hier gibt es Ausnahmen.

Das vergangene Jahr sah eine Wiederbelebung zweier brachliegender und von mir sehr geschätzter Filmreihen. Mit Jurassic World wurde die Dino-Reihe reanimiert und The Force awakens bildete die lang ersehnte Fortsetzung der Star-Wars-Saga. Beide Filme habe ich natürlich im Kino gesehen, und obwohl es einige Parallelen gibt, ist die Qualität sehr unterschiedlich. In beiden Fällen wählte man die sichere Variante, indem man zahlreiche Story-Elemente aus den jeweiligen Startfilmen wiederverwendete. Während Jurassic World zur Pflichtübung geriet, gelang es bei The Force awakens die Magie der Klassiker Star Wars und The Empire strikes back erneut zu entfachen. Demzufolge stellt The Force awakens für mich - wenig überraschend - den Höhepunkt des Filmjahres 2015 dar. Der Titel für den besten Film, den ich letztes Jahr gesehen habe, geht jedoch an Dan Gilroys Nightcrawler, der aus dem Jahr 2014 stammt. Kein anderer Film hat mich  in den letzten zwölf Monaten derart beeindruckt wie diese bitterböse Satire mit einem Jacke Gyllenhaal in Höchstform. Die Gurke des Jahres ist ohne Frage Terminator Genisys, von dem ich mir zwar keine Wunder, zumindest aber solide Unterhaltung  versprochen hatte, doch nicht einmal die konnte dieser Murksfilm liefern.

Für das neue Jahr plane ich, meine Rückstände bei den älteren Filmen etwas aufzuarbeiten. Zahlreiche ungesehene Streifen liegen hier noch herum, darunter auch einige Klassiker. Mit besonderer Vorfreude sehe ich dem neuen Tarantino-Film, The hateful Eight, entgegen, der in diesen Tagen anläuft und hoffentlich eine Rückkehr zu alter Form bedeutet, nachdem mich Inglourious Basterds und Django unchained nur bedingt begeistern konnten. Der Cast klingt schon mal vielversprechend.

Hier nun die angekündigte Liste:

magisch:
Nightcrawler
Star Wars: The Force awakens

toll:
American Sniper
Birdman
Blackhat
Calvary
Chappie
Ex Machina
Interstellar
Mad Max: Fury Road
The Hobbit: The Battle of the five Armies
The Rover
Whiplash

unterhaltsam:
A most wanted Man
Autómata
Big Eyes
Das finstere Tal
Dracula untold
Everly
Exodus: Gods and Kings
Fack ju Göhte 2
In the Blood
Inherent Vice
Jurassic World
Lost River
Maggie
Mercenaries
Sicario
Sin City: A Dame to kill for
Southpaw
The Gunman
The Raid 2
The Water Diviner

nicht so toll:
Edge of Tomorrow
It follows (Text folgt)
Lucy
Terminator Genisys

Donnerstag, 7. Januar 2016

SOUTHPAW ( Antoine Fuqua, 2015)

I'm a fucking mess.  
Southpaw kommt im Gewand eines Boxerfilms daher, ist aber in Wahrheit ein Familiendrama. Den Kern der Erzählung bildet eine Vater-Tochter-Geschichte.

Der Box-Weltmeister Billy Hope erfährt einen tiefen Absturz, als seine Frau Maureen, die im selben Waisenhaus aufgewachsen ist wie er und mit der er seit Teenagertagen liiert ist, bei einem Handgemenge getötet wird, das er nach einer Provokation durch einen seiner Widersacher angezettelt hat. Hope ist zwar ein großartiger Boxer, der vor allem aufgrund seiner unbändigen Aggression seit mehr als 40 Kämpfen ungeschlagen ist, doch ist er im Alltag auf die Führung und Unterstützung seiner Frau angewiesen, die ihm seit Jahren alle Entscheidungen abgenommen hat. Als dieser Fixpunkt wegfällt, stürzt er ins Bodenlose und verliert alles: sein Geld, seinen Weltmeistertitel, seine Boxlizenz, sein Haus und schließlich auch seine Tochter, die unter staatliche Fürsorge gestellt wird, nachdem er durch diverse Alkohol- und Drogeneskapaden auffällig geworden ist. Da seine Tochter das Letzte von Bedeutung in seinem Leben ist, setzt er alles daran sie wiederzukommen. 

Antoine Fuqua ist als solider Handwerker bekannt, nicht als Visionär. Bei ihm weiß man stets, was man bekommt. So auch hier: der Plot ist komplett vorhersehbar, es werden sowohl auf der narrativen Ebene als auch hinsichtlich der Charaktere alle nur denkbaren Klischees bemüht. Die Geschichte wurde in ähnlicher Form schon hundert Mal erzählt. Der Überraschungsfaktor liegt also bei null. Selbst der Name des Protagonisten, Billy Hope, ist ein sprechender. Und doch ist Southpaw ein sehenswerter Film, denn über die vorstehend genannten Punkte hinaus gibt es wenig, was man ihm ankreiden kann. Kameraführung und Schnitt sind makellos, die Kämpfe gut choreografiert, der Score (eine der letzten Arbeiten des im vergangenen Jahr tödlich verunglückten Komponisten James Horner, dem der Film auch gewidmet ist) kann überzeugen und die Atmosphäre ist dicht und packend. Das größte Plus aber ist zweifelsohne Jacke Gyllenhaal, der den Film mit einer bärenstarken Leistung äußerst souverän über die zwei Stunden trägt. Der US-Amerikaner hat sich für meine Begriffe in den letzten Jahren zu einem der weltbesten Darsteller gemausert und verkörpert den zu Ruhm gekommenen Straßenkämpfer mit beängstigender Intensität. Hopes ungezügeltes Temperament und seine Unfähigkeit, seine Aggressionen zu kontrollieren, machen ihn einerseits zu einem herausragenden Boxer, sind andererseits aber auch mitverantwortlich für den Tod seiner Frau und seinen darauf folgenden Totalabsturz. Hätte er sich nicht provozieren lassen, wäre er mit seiner Frau einfach nach Hause gefahren - nichts wäre passiert. Und obwohl er das weiß, gelingt es ihm nur mühsam und mit externer Hilfe, seine Aggression in den Griff zu bekommen. Sein Antrieb ist dabei keineswegs die eigene Einsicht sondern vielmehr die Aussicht, das Sorgerecht für seine Tochter zurückzubekommen.

Fuqua macht daraus einen klassischen Dreiakter: im ersten Film Drittel sieht man Hope obenauf und noch im Genuss ungetrübten Familienglücks, im zweiten Drittel wird sein Absturz ausführlich thematisiert bevor er sich schließlich im letzten Drittel wie Phönix aus der Asche erhebt. Dass das alles trotzdem nicht nur spannend und unterhaltsam sondern auch emotional packend ist, liegt an den oben beschriebenen Qualitäten und ein Stück weit vielleicht auch an der Erwartungshaltung, mit der man einem Fuqua-Film gegenüber hat. Diese jedenfalls wird in vollem Umfang erfüllt.